Arte hat am Pfingstmontagabend Louis Malles Regiedebüt „Fahrstuhl zum Schafott“ ausgestrahlt, einen Tag nach dem 100. Geburtstag von Miles Davis. Der schwarz-weiße Spielfilm mit Jeanne Moreau und Maurice Ronet aus dem Jahr 1958 bleibt in der Arte-Mediathek bis zum 23. Juni abrufbar; am Donnerstag um 15:30 Uhr läuft er ein zweites Mal im linearen Programm. Im Zentrum der aktuellen Aufmerksamkeit steht weniger das Drehbuch nach Noël Calefs Roman als der schwermütige Modal Jazz, mit dem Davis den Film durchgängig begleitet und der bis heute als wegweisender Filmsoundtrack des modernen Jazz gilt.
Davis nahm die Musik in Paris am 4. und 5. Dezember 1957 auf, kurz nach einem Engagement im Club Saint-Germain. Den vier Mitspielern brachte er nur rudimentäre Skizzen mit, zwei Akkorde, kein Arrangement. Die Sitzung lief bis zum Morgengrauen, Szenen des bereits geschnittenen Films liefen als Endlosschleife auf einer Leinwand im Studio. Was als Auftragsarbeit für Malles Debüt begann, wurde zur ersten vollständig improvisierten Filmmusik der Jazzgeschichte.
Miles bat uns einfach, zwei Akkorde zu spielen, d-Moll und C7, je vier Takte, ad libitum, das war alles.
Für Malle bedeutete „Fahrstuhl zum Schafott“ den Durchbruch als Regisseur, für Jeanne Moreau das Eintreten in den ersten Rang des französischen Kinos. Der Filmdienst, der den Film zur Pfingstausstrahlung neu besprach, nennt das Werk eine „düster-poetische Studie um Schuld und Sühne, Liebe und Misstrauen, Zufall und Schicksal“ und attestiert ihm das Zusammenwirken „von stimmungsvoller Fotografie und sparsam-einprägsamem Spiel der Darsteller“. Die Handlung folgt dem Ingenieur Julien Tavernier, der seinen Chef ermordet, anschließend in einem stehengebliebenen Aufzug gefangen wird und schließlich für einen zweiten Mord verdächtigt wird, den er nicht begangen hat.
Die Wiederausstrahlung fällt in eine Woche, in der die deutschsprachigen Konzertsäle Davis flächendeckend programmieren. Decca Records France hat am 21. Mai eigens für das Jubiläum drei Neuauflagen des Soundtracks angekündigt: ein 180-Gramm-Vinyl mit Boris Vians Originaltexten in englischer Übersetzung, ein limitiertes Doppel-CD-Set mit allen Outtakes der Pariser Sitzungen samt 60-seitigem Hardcover-Buch von Ashley Kahn und Franck Bergerot sowie eine dreiteilige 10-Zoll-Vinylbox mit weiteren Aufnahmen. Eine „spannungsgeladene, nächtliche Filmmusik voll dramatischer Intensität und reduzierter, lyrischer Stimmung“, heißt es beim deutschen Jazzecho zur neuen Edition.
Vorstufe zu „Kind of Blue“
Musikalisch gilt die Pariser Sitzung als Vorgriff auf das, was Davis ein Jahr später mit „Milestones“ und 1959 mit „Kind of Blue“ zur internationalen Norm machte: modaler Jazz, der auf wenige Tonleitern statt komplizierter Akkordfolgen setzt. Der österreichische Trompeter Thomas Gansch hatte diese Haltung in der vergangenen Woche dem Schweizer Radio SRF zusammengefasst: Davis habe sich nur um das interessiert, was heute da war, „mit der Musik von gestern hatte er nichts zu schaffen“. Genau dieser Verzicht auf Vorarbeit erklärt, warum sich die Studioaufnahme so unmittelbar an die Filmbilder bindet.
Wer „Fahrstuhl zum Schafott“ in dieser Woche oder über die Mediathek nachholt, sieht das Material, an dem die Musik entstand. Die hr-Bigband hatte am Dienstag im Rahmen derselben Jubiläumswoche „Miles Ahead“, „Porgy and Bess“ und „Sketches of Spain“ in der Alten Oper Frankfurt aufgeführt, die Elbphilharmonie Hamburg widmet Davis noch bis Juli fünf Konzertabende. Die Filmmusik ist in dieser Reihe das früheste Glied: eine Nacht in einem Pariser Studio, die den späteren Kanon vorwegnahm.