In Clacton-on-Sea an der Küste von Essex haben am Donnerstagabend um 22 Uhr Ortszeit die Wahllokale geschlossen. 34 Kandidaten stehen auf einem Stimmzettel, der nach Angaben britischer Wahlbeobachter fast einen Meter lang ist - Rekord für eine britische Parlamentswahl. Auslöser ist Nigel Farage selbst: Der Chef der rechtspopulistischen Reform UK hat sein Mandat Anfang Juli niedergelegt und stellt sich in der von ihm ausgelösten Nachwahl direkt wieder zur Wahl.

Hintergrund ist eine Spendenaffäre, die der Guardian im April enthüllt hat. Farage soll vom in Thailand ansässigen Krypto-Milliardär Christopher Harborne eine Zahlung von 5 Millionen Pfund erhalten und diese vor der Unterhauswahl 2024 nicht als Spende deklariert haben. Reform UK selbst nahm von Harborne rund 25 Millionen Pfund an. Farage bezeichnet die Summe als privates Geschenk ohne Meldepflicht. Der zuständige Parliamentary Standards Commissioner leitete eine Untersuchung ein, die mit dem Rücktritt vorerst ruht, aber bei einer Rückkehr Farages ins Unterhaus wieder aufgenommen werden könnte.

Boykott der etablierten Parteien

Labour, Conservatives, Liberal Democrats und Greens haben auf eine eigene Kandidatur verzichtet. Sie werten den Schritt als Show, mit der Farage die Debatte über Spenden und Offenlegungspflichten umgehen wolle, wie Handelsblatt und ZDFheute berichten. Damit ist der Wettbewerb im Bezirk faktisch offen für Kleinstparteien, Unabhängige und Satire-Bewerber - ein politisches Vakuum, das die Nachwahl zu einer eigenwilligen Zwischenbilanz für Reform UK macht.

Wichtigster Gegenkandidat ist ein Comedian im Kostüm: „Count Binface“, eine Kunstfigur des Kabarettisten Jonathan Harvey, tritt in silberner Mülltonne an. Sein Programm reicht von einem Referendum zur Wiederaufnahme Plutos in den Kreis der Planeten bis zu einer Preisdeckelung für Croissants. Eine Erhebung des Instituts Survation vor dem Wahltag sah Farage bei rund 73 Prozent, Binface bei etwa 20 Prozent - was ihn zum unangefochtenen Zweiten machen würde. Zusätzlich stellt allein die Official Monster Raving Loony Party drei Bewerber.

Es scheint unwahrscheinlich, dass die Nachwahl folgenreich für die britische Politik sein wird.
- Will Jennings, University of Southampton, gegenüber Euronews

Was auf dem Spiel steht

Farage gewann Clacton bei der Unterhauswahl 2024 mit 46,2 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung von 8.405 Stimmen. Reform UK führte anschließend über anderthalb Jahre die nationalen Umfragen an und gewann im Mai die Kommunalwahlen. Zuletzt jedoch hat die Partei laut Euronews in den Umfragen wegen der Finanzaffären an Boden verloren. Die Beteiligung am Donnerstag dürfte deutlich unter den knapp 59 Prozent von 2024 liegen - der Boykott der Großparteien senkt die Mobilisierung, während die Zahl der Namen auf dem Zettel viele Wähler zusätzlich verunsichert.

Das Auszählen begann direkt nach Schließung der Wahllokale. Wegen der ungewöhnlich vielen Kandidaten wird das offizielle Ergebnis erst zwischen 5 und 7 Uhr Ortszeit am Freitagmorgen erwartet. Politisch entscheidend ist weniger, ob Farage seinen Sitz zurückholt - danach sieht es nach allen Umfragen aus - sondern wie hoch sein Vorsprung ausfällt und ob die Untersuchung im Parlament nach seiner Rückkehr Fahrt aufnimmt. Wird ihm ein Verstoß gegen die Offenlegungspflichten nachgewiesen, droht laut ZDFheute im äußersten Fall der Ausschluss aus dem House of Commons und eine erneute Nachwahl.