Die Federal Reserve hat ihren Leitzins am Mittwochabend wie erwartet im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen. Es ist die vierte Pause in Folge - und die erste geldpolitische Sitzung, bei der mit Kevin Warsh ein neuer Notenbankchef vor die Presse tritt. Warsh, am 22. Mai im East Room des Weißen Hauses vereidigt, muss seinen Kurs nun zwischen einer hartnäckigen Inflation, einem stabilen Arbeitsmarkt und dem politischen Druck aus dem Oval Office austarieren.

Die Entscheidung selbst galt als gesetzt. Das FedWatch-Tool der Terminbörse CME Group bezifferte die Wahrscheinlichkeit eines Zinshalts vorab auf 99,6 Prozent, eine Reuters-Umfrage unter 102 Volkswirten ergab vollständige Einstimmigkeit für die Pause. Bewegung steckt in den begleitenden Projektionen, dem sogenannten Dot Plot: Hatte die FOMC-Mehrheit im März noch eine Senkung im Jahresverlauf in Aussicht gestellt, preisen die Märkte nun eine Anhebung bis Jahresende mit einer Wahrscheinlichkeit von über 70 Prozent ein. Fed-Gouverneur Christopher Waller hatte sich vorab dafür ausgesprochen, den verbliebenen Easing-Bias aus dem geldpolitischen Statement zu streichen - ein Signal, dass Senkungen nicht mehr wahrscheinlicher seien als Erhöhungen.

Hintergrund ist die Inflation, die im Mai laut Bureau of Labor Statistics bei 4,2 Prozent zum Vorjahr lag und damit deutlich über dem Fed-Ziel von zwei Prozent. Treiber ist vor allem die Energiekomponente: Plus 23,5 Prozent im Mai, eine Folge des Iran-Konflikts und der gestiegenen Rohölpreise. Die Kernrate stand bei 2,9 Prozent - näher am Ziel, aber ebenfalls darüber. Der Arbeitsmarkt blieb robust: 172.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft im Mai, die Arbeitslosenquote bei 4,3 Prozent. Damit fehlt der Fed jedes konjunkturelle Argument für eine schnelle Lockerung.

Der Atlantik-Zinsabstand bleibt damit groß. Die Europäische Zentralbank hatte ihren Einlagensatz erst vergangene Woche auf 2,25 Prozent angehoben, der Fed-Korridor liegt weiterhin mehr als anderthalb Prozentpunkte darüber. Für deutsche Exporteure bedeutet das einen weiter festen Dollar, für Importeure verteuert sich vor allem Energie.

Trumps schwierige Eigenständigkeit

Politisch lastet die Sitzung schwer auf Warsh. Donald Trump hatte in einem Interview mit NBC News am 7. Juni gefordert: „Es gibt keinen Grund, die Zinsen anzuheben.“ Und: „Wir sollten die Zinsen jetzt eigentlich senken“, wie der Tagesspiegel das Gespräch zitiert. Im selben Atemzug bekräftigte der US-Präsident, „keinen Druck“ auf den neuen Fed-Chef ausüben zu wollen - ein Widerspruch, den die Tageszeitung als „klare Empfehlung“ trotz Lippenbekenntnisses zur Notenbankunabhängigkeit einordnet.

Wir sollten die Zinsen jetzt eigentlich senken.
- Donald Trump, NBC News

Warsh selbst hatte bei seiner Vereidigung Mitte Mai erkennen lassen, wie heikel er das Verhältnis sieht. Trump entließ ihn nach Protokoll der Japan Times mit der Aufforderung, niemanden anzuschauen, sondern „einfach sein eigenes Ding“ zu machen. Bei seiner Senatsanhörung im April hatte Warsh erklärt, er ziehe für die Beurteilung der zugrundeliegenden Teuerung sogenannte getrimmte Mittelwerte vor - eine Methodik, die einmalige Preisschocks ausblendet. Beobachter wie die Landesbank Baden-Württemberg erwarten, dass er die Forward Guidance der Fed deutlich zurückfährt und damit weniger Signale zur künftigen Zinspolitik gibt als sein Vorgänger Jerome Powell.

Vorsichtige Marktreaktion

An der Wall Street fiel die unmittelbare Reaktion gemischt aus. Der Dow Jones markierte am Mittwoch ein neues Rekordhoch oberhalb von 52.000 Punkten, die Technologiewerte gaben hingegen nach. Der US-Dollar tendierte schwächer, was Marktteilnehmer weniger der Zinsentscheidung selbst zuschreiben als der Aussicht auf das Iran-Abkommen, das die G7 am Mittwoch in Évian als historische Chance begrüßt hatten. Für die nächste Sitzung am 29. Juli liegt die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Zinshalts laut FedWatch bei 91 Prozent. Wohin Warsh die Fed danach lenkt, dürfte er mit jedem öffentlichen Auftritt der kommenden Wochen erklären müssen.