Neun Tage vor dem WM-Anpfiff geraten die Ticketpraktiken der FIFA juristisch unter Druck. Die Generalstaatsanwältin des Bundesstaats New York, Letitia James, und ihre Amtskollegin aus New Jersey, Jennifer Davenport, haben am Mittwoch eine Untersuchung gegen den Weltverband eingeleitet. Wie die Fachzeitschrift LTO und das Portal Watson berichten, geht es um zwei Vorwürfe: täuschende Angaben zu Sitzkategorien beim Kauf und Preise, die deutlich über dem aller bisherigen Weltmeisterschaften liegen.
Im Zentrum steht das MetLife Stadium in East Rutherford auf der New-Jersey-Seite des Hudson, in dem während des Turniers acht Partien ausgetragen werden, darunter das Endspiel am 19. Juli. Fans, die beim Verkaufsstart Sitzplätze aus den FIFA-Stadionplänen ausgewählt hatten, sahen sich nach Eingang der Tickets in schlechtere Kategorien verschoben. Die FIFA hatte im April erklärt, die Pläne seien lediglich „Orientierungshilfen“ gewesen. Eine Aussage, die Davenport öffentlich zurückweist.
Die FIFA hat den Ticketkauf zu einem regelrechten Labyrinth aus Verwirrung, künstlicher Verknappung und horrenden Preisen gemacht - alles zulasten der Konsumenten.
Dynamic Pricing, 225 Dollar Parkgebühr
Bei der Preisgestaltung setzt die FIFA erstmals bei einer WM auf dynamische Algorithmen: Je größer die Nachfrage, desto höher der Preis. Beispiele aus New York, die t-online auflistet: Fans, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Manhattan-Knoten in die Arena anreisen, zahlen schon für die An- und Abreise mehr als hundert Dollar, ein Stellplatz auf den MetLife-Parkflächen kostet bis zu 225 Dollar je Fahrzeug. Die Tickets selbst seien laut Davenport und James in eine Region gerückt, die der gewöhnliche Sportkonsument in den USA nicht mehr trage. Letitia James verweist auf den Konsumentenschutz ihres Bundesstaats.
FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte den Anstieg im Frühjahr verteidigt. „Wir müssen Marktpreise anwenden“, sagte er laut t-online und verwies darauf, dass die Vereinigten Staaten „der Markt mit der weltweit am höchsten entwickelten Unterhaltungsindustrie“ seien. Die Fanorganisation Football Supporters Europe spricht dagegen von „Abzockpreisen“ und einem „monumentalen Vertrauensbruch“, zitiert von Watson. Ausgelöst hatte den Streit eine Recherche des US-Sportmagazins The Athletic, die nachträgliche Kategorie-Umstufungen für Käufer dokumentierte.
Die Ermittlungen aus New York und New Jersey reihen sich in eine bereits laufende Untersuchung des kalifornischen Generalstaatsanwalts Rob Bonta ein, der Mitte Mai erste Auskünfte verlangt hatte. Bonta stützt sich auf Kaliforniens Unfair Competition Law und das False Advertising Law, beide schützen Verbraucher vor irreführenden Darstellungen. Die FIFA hatte zuvor in einer schriftlichen Stellungnahme bestritten, Konsumenten getäuscht zu haben.
Für deutsche Fans hat die Eskalation eher mittelbare Folgen: Die Gruppenphase der DFB-Elf wird in Houston, Atlanta und Boston ausgetragen, das MetLife Stadium kommt erst bei einem möglichen Halbfinaleinzug ins Spiel. Wer Tickets für ein potenzielles K.-o.-Spiel der deutschen Mannschaft am 9. Juli in New Jersey über die offizielle FIFA-Plattform gekauft hat, ist von der Kategorienverschiebung allerdings genauso betroffen wie US-Käufer - und wird die Untersuchung im Zweifel mit Interesse verfolgen.