Das Estadio Akron in Zapopan bei Guadalajara hat 45.664 Plätze. Nach dem 2:1 Südkoreas gegen Tschechien am Freitagabend gab die FIFA 44.985 Zuschauer an - rein rechnerisch ein nahezu volles Haus mit 679 leeren Stühlen. Auf den Fernsehbildern der ARD und des mexikanischen Senders Azteca waren die Lücken auf den Rängen dagegen unübersehbar, vor allem auf der Gegentribüne und in den Hospitality-Bereichen. Schon der zweite Spieltag der Weltmeisterschaft hat damit eine Debatte über die offiziellen FIFA-Zuschauerzahlen ausgelöst, wie die Sportschau in einer Analyse mit dem Titel „Verzockt“ festhält.

Der Verband verteidigt die Meldung. Auf Anfrage des Sportportals The Athletic erklärte die FIFA, die veröffentlichten Daten gäben die Anzahl der eingescannten Tickets und der tatsächlich im Stadiongelände anwesenden Zuschauer wieder. Sie spiegelten nicht die Sitzplatzbelegung „zu einem beliebigen Augenblick“ wider. Viele Besucherinnen und Besucher hätten sich zudem in Korridoren und Lounges aufgehalten, statt auf ihren Plätzen zu sitzen. Die deutsche Übersetzung der Stellungnahme dokumentiert der Live-Blog von WEB.DE.

Dynamic Pricing trifft auf leere Reihen

Im Zentrum der Kritik steht das dynamische Preismodell der FIFA. Wie The Athletic in einer Analyse Mitte Mai berichtete und die Sportschau aufgreift, sind die Preise für 90 der 104 Turnierspiele zwischen Oktober 2025 und April 2026 im Schnitt um 34 Prozent gestiegen. Die günstigste Sitzplatzkategorie im Estadio Akron lag zuletzt bei rund 500 US-Dollar, Hospitality-Pakete starten bei 5.000 Dollar. Der Yale-Ökonom Florian Ederer, der das System seit Monaten beobachtet, sagte gegenüber The Athletic, der Algorithmus passe Preise „fast ausschließlich nach oben, sehr selten nach unten“ an. Der Verband habe sich bei Partien wie Saudi-Arabien gegen Kap Verde, Österreich gegen Jordanien oder Usbekistan gegen die DR Kongo verkalkuliert.

Die FIFA hat sich bei Partien wie Saudi-Arabien gegen Kap Verde, Österreich gegen Jordanien oder Usbekistan gegen die DR Kongo verkalkuliert.
- Florian Ederer, Yale-Ökonom, gegenüber The Athletic

Parallel versuchen Verbände und Sponsoren, die Lücken aktiv zu schließen. Die US-Botschaft Saudi-Arabiens, das kanadische Generalkonsulat Ghanas und der WM-Partner Verizon haben Verlosungen mit zusammen mehreren Tausend Freitickets für nachfrageschwache Partien angekündigt, wie The Athletic recherchierte. Auf der Wiederverkaufsplattform SeatGeek tauchen zudem ganze Sitzreihen geschlossen auf - ein Muster, das nach Recherchen der Sportzeitung auf direkte Einlieferungen aus dem FIFA-Umfeld hindeuten könnte. Eine Stellungnahme dazu lehnte der Verband ab. FIFA-Präsident Gianni Infantino hatte zuletzt mehrfach betont, jedes WM-Spiel sei „ausverkauft“ - eine Aussage, der das Bild aus Guadalajara unmittelbar entgegensteht.

Texas eröffnet eigene Ermittlung

Auch juristisch verschärft sich die Lage. Der texanische Generalstaatsanwalt Ken Paxton hat am Dienstag eine eigene Untersuchung gegen die FIFA angekündigt. Sein Büro habe Beschwerden von Fans erhalten, die nach dem Kauf hochpreisiger Kategorie-1-Tickets schlechtere Sitzplätze als ursprünglich versprochen erhalten hätten, heißt es in der Mitteilung seines Amts. Geprüft werden Verstöße gegen den Texas Deceptive Trade Practices Act, das Verbraucherschutzgesetz des Bundesstaats. Houston und Arlington gehören zu den elf US-Spielorten, das DFB-Team trifft am Sonntagabend in Houston auf Curaçao.

Paxton schließt sich damit den Generalstaatsanwältinnen Letitia James (New York) und Jennifer Davenport (New Jersey) an, die bereits Anfang Juni Vorladungen an die FIFA verschickt hatten. Auch Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta hat im Mai vergleichbare Bedenken zu nachträglich geänderten Sitzplätzen geäußert. Bis zum Finale am 19. Juli im MetLife Stadium stehen 102 weitere Partien an, viele davon in Konstellationen, die der dynamische Algorithmus laut Ederer kaum noch günstig anbietet. Ob die FIFA ihre Zählweise unter dem Druck der Ermittlungen anpassen muss, dürfte sich bereits in den kommenden Spieltagen entscheiden.