Nach dem Brandanschlag auf das Jugendamt in Finsterwalde hat der Deutsche Landkreistag die Kommunen aufgefordert, ihre Sicherheitskonzepte zu überprüfen. Am Donnerstagmorgen kurz nach 8 Uhr hatte ein 35 Jahre alter Deutscher das Amt in der südbrandenburgischen Kreisstadt betreten, bei einem Termin in einer Kinderschutzsache eine Sachbearbeiterin bedroht und in ihrem Büro eine brennbare Flüssigkeit entzündet. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes.

Vier bis fünf Menschen kamen mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung in Kliniken, das Feuer war rasch gelöscht. Den mutmaßlichen Täter fassten Beamte vor dem Gebäude. Nach Angaben von Polizeisprecher Sascha Erler führte der Mann vermutlich einen Brandsatz mit sich, der genaue Ablauf ist noch Teil der Ermittlungen. Der Landkreis Elbe-Elster stellte den Publikumsverkehr in Finsterwalde ein und setzte einen Sicherheitsdienst ein.

Landkreistag-Sprecher Markus Mempel sagte, Aggression, Bedrohung und Übergriffe gehörten in vielen Kreisverwaltungen seit Jahren zum Arbeitsalltag, besonders in Jobcentern, Jugend-, Ausländer-, Sozial- und Veterinärämtern. „Die Landkreise nehmen diese Gefährdungen sehr ernst und haben vielerorts umfangreiche Schutzmaßnahmen umgesetzt“, sagte er. Empfohlen würden Zugangskontrollen, geschützte Empfangsbereiche, Sicherheitspersonal, Alarm- und Notrufsysteme sowie feste Vereinbarungen mit der Polizei. Mempel schränkte ein: „Absolute Sicherheit wird es in offenen Verwaltungen und sozialen Einrichtungen nicht geben.“

Wer öffentliche Einrichtungen angreift, legt sich mit uns allen an.
- Dietmar Woidke, Ministerpräsident Brandenburg (SPD)

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verurteilte den Angriff scharf. Sozialminister René Wilke (SPD) sprach von einem „ungeheuerlichen Vorgang in Finsterwalde“, der „uns alle zutiefst beunruhigen“ sollte. Die CDU Brandenburg erklärte, Beschäftigte im öffentlichen Dienst müssten ihrer Arbeit nachgehen können, „ohne Angst vor Gewalt oder Einschüchterung haben zu müssen“. Die Uckermärker Landrätin Karina Dörk (CDU) sagte dem Tagesspiegel: „Wir müssen uns neu überlegen, wie wir die Mitarbeiter schützen. Es ist erschreckend.“

Zweiter schwerer Angriff auf ein Jugendamt binnen weniger Wochen

Die Debatte trifft eine Verwaltungsebene, die noch unter dem Eindruck der Bluttat von Stade steht. Anfang Juni hatte ein 45-jähriger Mann in Stade und im Umland sechs Menschen getötet, darunter drei Beschäftigte einer Jugendhilfeeinrichtung und drei Mitarbeiterinnen des Jugendamts der Region Hannover. Das Amtsgericht Stade erließ Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes; die Staatsanwaltschaft geht von Heimtücke und niederen Beweggründen aus.

Verdi weist seit Jahren auf steigende Übergriffszahlen im öffentlichen Dienst hin und mahnt, Schutzkonzepte hinkten hinterher. Der Landkreistag verweist auf die Jobcenter als Vorreiter: Dort seien Sicherheitsdienste bei schwierigen Terminen oder absehbaren Gefährdungslagen längst Standard. Ob Finsterwalde dieses Modell in kürzeren Fristen auf sein Jugendamt übertragen wird, hängt nach Angaben des Landkreises Elbe-Elster von den weiteren Ermittlungen und einer Schadensbewertung des Gebäudes ab.

Das Motiv des Tatverdächtigen ist nach Polizeiangaben weiter unklar. Die Kripo hat Spuren gesichert und Zeugen befragt; der Hintergrund des Streits mit der Sachbearbeiterin wird geprüft. Der Beschuldigte sitzt in Untersuchungshaft.