Die Zahl der Unternehmenspleiten in Deutschland ist auf den höchsten Stand seit dreizehn Jahren geklettert. Das Statistische Bundesamt meldete am Freitag in Wiesbaden 12.812 beantragte Regelinsolvenzen von Unternehmen im ersten Halbjahr 2026 - 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und der stärkste Wert seit dem Jahr 2013, als die Amtsgerichte 13.253 Fälle registriert hatten. Allein im Juni verzeichnete die Behörde 2.266 neue Fälle, ein Plus von 15,8 Prozent gegenüber Juni 2025.
Die von den Insolvenzgerichten mitgeteilten voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger summieren sich laut Destatis auf rund 18,5 Milliarden Euro. Das ist deutlich weniger als in den ersten sechs Monaten 2025 (28,2 Milliarden Euro), in denen mehrere sehr große Verfahren die Bilanz nach oben gezogen hatten. Der Wirtschaftsauskunftsdienst Creditreform, der neben beantragten auch abgewiesene Verfahren berücksichtigt, kommt in seiner Halbjahresstudie auf 12.900 Firmeninsolvenzen und eine Schadenssumme von 28,5 Milliarden Euro. Rund 165.000 Arbeitsplätze waren von den Pleiten betroffen, nach 143.000 im Vorjahreszeitraum.
Besonders hoch ist die Insolvenzhäufigkeit dort, wo hohe Fixkosten auf schwache Konsum- und Auftragslagen treffen. Am stärksten belastet ist laut Statistischem Bundesamt die Branche Verkehr und Lagerei mit 71,6 Fällen je 10.000 Unternehmen, gefolgt vom Gastgewerbe (59,6) und dem Baugewerbe (53,4). Creditreform meldet für den gesamten Dienstleistungssektor einen Anstieg von 12,6 Prozent; er stellt inzwischen 61,2 Prozent aller Fälle. „Der Dienstleistungssektor steht gleich von mehreren Seiten unter Druck“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform, bei der Vorstellung der Zahlen.
Die steigenden Insolvenzzahlen offenbaren eine tiefe strukturelle Krise bei unseren Unternehmen, die durch den Konflikt im Nahen Osten noch mal verschärft wurde.
Konjunktur zieht an, Pleiten bleiben oben
Bemerkenswert ist der Anstieg gerade in einem Umfeld, in dem sich die Konjunkturaussichten aufhellen. Das ifo Institut hob seine Wachstumsprognose für 2026 zuletzt auf 1,4 Prozent an, nach zuvor 0,8 Prozent. Insolvenzen gelten aber als Spätindikator: Unternehmen zehren Reserven und Kreditlinien in der Regel über Monate auf, bevor sie einen Antrag stellen, wie die Berliner Zeitung unter Berufung auf die Statistiker anmerkt. Auch die Zahl der großen Verfahren nimmt zu - im ersten Halbjahr meldeten 33 Firmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz Insolvenz an, zehn Prozent mehr als 2025. Getroffen sind vor allem Autozulieferer und stationärer Einzelhandel.
Zwei besonders betroffene Gruppen stechen hervor: junge Firmen bis zu zwei Jahre Bestehensdauer (plus 25,3 Prozent) sowie Großbetriebe mit mehr als 250 Beschäftigten (plus 28,6 Prozent). Auch die Verbraucherinsolvenzen wachsen weiter: 38.932 Fälle bedeuten ein Plus von 2,4 Prozent, im Juni allein waren es 6.839 Verfahren und damit 5,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sprach gegenüber ZDFheute mit Blick auf einen einmaligen Rückgang im August von einer „Verschnaufpause, nicht von Entwarnung“.
Hantzsch rechnet nicht damit, dass sich die Lage schnell dreht: „Der Pleite-Höhepunkt ist noch nicht erreicht“, sagte er; eine Stabilisierung sei frühestens 2027 zu erwarten. Als Belastungsfaktoren nannte Creditreform neben den strukturellen Kostenproblemen ausdrücklich den Ölpreisschock in Folge des Iran-Konflikts sowie die monatelange Blockade der Straße von Hormus, die den erhofften Aufschwung ausgebremst habe. Die Zahlen aus den kommenden Amtsgerichts-Meldungen dürften darüber entscheiden, ob die Regierungskoalition ihre Prognose einer sich stabilisierenden Wirtschaft in der Haushaltswoche noch verteidigen kann.