Der Protesttag gegen Lebenshaltungskosten und Bildungspolitik hat Frankreich am Samstag die schwersten Ausschreitungen seit Jahren beschert. 550.000 Menschen demonstrierten nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez landesweit, die Organisatoren sprachen von rund 800.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Allein in Paris zählte das Innenministerium 110.000 Demonstrierende. Bis zum späten Abend wurden 1.800 Festnahmen registriert, davon 855 in der Hauptstadt. 150 Polizistinnen und Polizisten wurden nach Nuñez' Angaben verletzt, einer vorläufigen Bilanz zufolge insgesamt rund 500 Einsatzkräfte und Feuerwehrleute, wie die t-online berichtet.

Zum Symbol des Tages wurde das Rathaus von Limoges: Demonstrierende drangen in das mehr als 140 Jahre alte Gebäude ein, im Erdgeschoss brach ein Feuer aus, das rasch auf das Dach übergriff. Nach Angaben der ZDFheute ist das historische Haus „zum großen Teil verloren“. Limoges' Bürgermeister Guillaume Guérin sagte: „Es gibt keine Worte, um das Geschehene zu verurteilen, so abscheulich ist es.“ Auch in Lyon ging ein Tourismusbüro in Flammen auf, in Marseille wurde das Rathaus gestürmt, in Grenoble und Avignon zogen Zerstörungen durch die Innenstadt. Betroffen waren laut t-online zudem Saint-Étienne, Toulouse, Rennes, Angers, Straßburg und Lens; in Paris sei es zu systematischen Verwüstungen ganzer Straßenzüge gekommen, Tränengas und Wasserwerfer waren im Einsatz.

Premierminister Sébastien Lecornu sprach am Abend von einer „Gewalt von einer extremen Intensität“ und rief für den späten Abend eine Krisensitzung ein. Präsident Emmanuel Macron reagierte auf X mit einer scharfen Warnung: „In unserer Republik ist kein Platz für Gewalt.“ Diejenigen, die „Präfekturen und Geschäfte zerstört und sogar Rathäuser geplündert haben, werden strafrechtlich verfolgt und bestraft“, schrieb der Präsident. Lecornu betonte zugleich, niemand werde „seine politische Agenda durch Gewalt durchsetzen“, wie die ZDFheute zitiert.

In unserer Republik ist kein Platz für Gewalt. Diejenigen, die Präfekturen und Geschäfte zerstört und sogar Rathäuser geplündert haben, werden strafrechtlich verfolgt und bestraft.
- Emmanuel Macron auf X, 17. Oktober 2026

Was den Protesttag ausgelöst hat

Hinter der Mobilisierung stehen zwei Fronten, die sich am Samstag auf der Straße getroffen haben. Seit Mitte September protestieren Schülerinnen und Schüler für kleinere Klassen, mehr Lehrkräfte und eine bessere Ausstattung ihrer Schulen - und gegen einen geplanten Regierungshaushalt, der weitere Einsparungen im Bildungsbereich vorsieht. Parallel riefen Gewerkschaften zum landesweiten Aktionstag gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die soziale Ungleichheit auf; die CGT bezifferte die Beteiligung am Abend auf rund 500.000 Menschen. In Saint-Étienne verlor ein 17-Jähriger laut t-online eine Hand durch eine Polizeigranate, die Ermittlungen laufen.

Für die Regierung Lecornu kommt der Tag zur Unzeit. Der ehemalige Verteidigungsminister war erst Anfang Oktober nach wochenlanger Hängepartie zum Premier ernannt worden und steht seitdem unter dem Druck einer zerklüfteten Nationalversammlung. Die Opposition machte am Wochenende Macron und die Haushaltspolitik direkt für die Eskalation verantwortlich. Innenminister Nuñez kündigte an, die Verantwortlichen für die Brandstiftungen und Plünderungen „um jeden Preis“ zu identifizieren.

Für Limoges beginnt derweil die Schadensbilanz: Welche Teile des Rathauses noch zu retten sind, soll in den kommenden Tagen gutachterlich geprüft werden. Zum Ausmaß der politischen Folgen äußerte sich am Sonntagvormittag auch der US-Vizepräsident J. D. Vance, der die französische Einwanderungspolitik als Ursache der Krawalle bezeichnete - ein Vorwurf, dem die französische Regierung bislang nicht widersprochen hat, den Oppositionsvertreter aber als sachfremd zurückweisen.