East Rutherford. Wenn Frankreich am Dienstagabend um 21 Uhr im MetLife Stadium in New Jersey gegen Senegal ins Turnier startet, geht es um drei Punkte in Gruppe I - und um die unausgesprochene Frage, ob die Equipe Tricolore das Schreckensbild von 2002 endlich abräumen kann. Damals verlor der amtierende Weltmeister das Eröffnungsspiel in Seoul mit 0:1, blieb in drei Vorrundenspielen ohne Tor und reiste vorzeitig nach Hause. 24 Jahre später ist Senegal erneut der Auftaktgegner.
Trainer Didier Deschamps lehnte auf der Pressekonferenz am Montag jede Verbindung zwischen 2002 und heute ab. „Die meisten Spieler waren 2002 noch nicht einmal geboren. Ich habe das Spiel gesehen, aber ich war nicht dabei“, sagte er laut Flashscore. Auf das Wort Revanche reagierte er gereizt: „Ich weiß, dass Sie das Wort ‚Rache‘ gerne verwenden. Aber Rache gibt es im Fußball nicht.“ Senegal nannte er „eine der besten Mannschaften Afrikas und der Welt“. Zur ersten WM auf dem amerikanischen Doppelkontinent gehöre vor allem eine Sorge, die er auf der gleichen PK formulierte: „Meine oberste Priorität ist es, die Spieler zu schützen.“ Die Anreisezeiten zwischen den Spielorten seien das größere Problem als die Distanz.
Rache gibt es im Fußball nicht.
Mbappé war bei der Abschluss-Pressekonferenz nicht zu sehen. Deschamps schickte stattdessen Routinier N'Golo Kanté nach vorn, wie die FIFA in ihrer offiziellen Vorberichterstattung notierte; der Kapitän sollte zwischen Hitze in New Jersey und langen Anreisen Kraft sparen. Auf dem Platz ist sein Auftrag dennoch klar: Mit 56 Toren in 98 Länderspielen trennt ihn nur ein einziger Treffer vom französischen Allzeit-Rekord Olivier Girouds. Voraussichtlich beginnt Frankreich nach Angaben des kicker mit Maignan im Tor, einer Viererkette um Saliba und Upamecano, dem Mittelfeld Tchouameni-Rabiot-Dembélé sowie Mbappé an der Spitze, flankiert von Olise und Désiré Doué.
Senegals Coach kalkuliert ohne Pathos
Pape Thiaw, seit dem Frühjahr Cheftrainer der Lions, gab sich vor dem Spiel demonstrativ unbeeindruckt vom historischen Echo. Die Senegalesen seien ungeschlagen durch die Quali gekommen, sagte er gegenüber tipico und FIFA, 2002 spiele für ihn keine Rolle, weil das Spiel auf dem Platz und nicht in der Vergangenheit entschieden werde. Frankreich habe „Weltklassespieler, aber wir auch“, so Thiaw, der sich bewusst nicht in die Außenseiterrolle drängen lassen will. Voraussichtlich beginnt Senegal mit Édouard Mendy im Tor, Kalidou Koulibaly als Abwehrchef sowie Sadio Mané und Ismaïla Sarr im Angriff.
Drei Personalien sind offen: Assane Diao fehlte mit einer Prellung im Training, Cherif Ndiaye blieb dem Training ohne Angabe von Gründen fern, Idrissa Gueye trainierte vorsorglich nur eingeschränkt. Thiaw erklärte laut Premium Times, keiner der Ausfälle erzwinge größere Änderungen. Die jüngste Form spricht trotzdem für die Franzosen: Senegal verlor in den vergangenen Wochen Testspiele gegen die USA und Marokko mit jeweils drei Gegentoren, während Frankreich in vier seiner letzten fünf Begegnungen siegte.
Für Gruppe I bedeutet der Dienstagabend mehr als eine Standortbestimmung. Am Mittwoch trifft Norwegen erstmals seit 1998 wieder bei einer WM auf den Irak; Erling Haaland gibt im Gillette Stadium sein Debüt. Wer in der ersten Runde patzt, gerät früh unter Druck, denn die Gruppe wird in der Hitze des US-Junis nur drei Mannschaften ins Achtelfinale tragen. Frankreichs Profil ist eindeutig: vier Tore pro Spiel in den letzten neun Länderspielen, dazu kein einziges Spiel ohne Gegentor in der jüngeren Serie. Wer Mbappé heute den Allzeit-Rekord nimmt, beginnt die Mission Titel mit einem Defizit, das Deschamps lieber gar nicht erst aufkommen lassen will.