Deutschland verschenke wirtschaftliches Potenzial in dreistelliger Milliardenhöhe, weil annähernd jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit arbeite. Mit dieser Diagnose hat sich der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, am Montag im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zu Wort gemeldet. „Der Anteil an Frauen, die Teilzeit arbeiten, ist ungewöhnlich groß. Dadurch bleibt wirtschaftlich ein riesiges Potenzial ungenutzt“, sagte Fratzscher dem RND.
Würden die Hürden für Vollzeitarbeit abgebaut, könnten dem Arbeitsmarkt nach DIW-Berechnung mehrere hunderttausend zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung stehen. Fratzscher verwies in dem Interview auf EU-Modellrechnungen, wonach mehr Gleichstellung das Bruttoinlandsprodukt in Europa bis 2050 um bis zu zehn Prozent erhöhen könnte.
Die Gesellschaft verzichtet so auf eine Menge Wohlstand. Wir schießen uns dadurch aber wirtschaftlich selbst ins Knie.
Ehegattensplitting und Mini-Jobs als Bremsen
Als zentrale Hürden benennt Fratzscher die nach wie vor lückenhafte Kinderbetreuung in Kitas und Schulen, das Ehegattensplitting sowie die beitragsfreie Mitversicherung in der Krankenversicherung. Beides setze finanzielle Anreize, dass Verheiratete eher in Teilzeit oder im Mini-Job blieben. Auch der Mini-Job selbst gerate für viele Frauen zur Falle, weil er den Aufstieg in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erschwere. Die Politik habe das Thema lange schleifen lassen, schreibt das Berliner Sonntagsblatt unter Berufung auf die dts Nachrichtenagentur.
Für den DIW-Chef ist die Frauenerwerbsbeteiligung gleichzeitig der wirksamste Hebel gegen die demografische Belastung des Rentensystems. Sie sei „das effektivste und beste Instrument“, um die gesetzliche Rente über die kommenden 15 bis 20 Jahre zu stabilisieren, zitiert ad-hoc-news Fratzscher. Die Bundesregierung diskutiert parallel ein Rentenpaket, das das Niveau bis 2031 absichern soll - finanziert über höhere Beiträge oder Bundeszuschüsse. Fratzscher hält das ohne mehr Vollzeit-Erwerbstätigkeit für nicht durchhaltbar.
„Wir sind noch meilenweit von wirklicher Gleichstellung entfernt“, sagte Fratzscher dem RND. Ohne strukturelle Reformen, so seine Botschaft, blieben Wachstum und Rentenstabilität auf der Strecke - beides Themen, die die Koalition derzeit getrennt verhandelt.