Seit Montag fahren über die Ems bei Weener wieder planmäßig Züge. Mit der Wiedereröffnung der Friesenbrücke am 5. Oktober nehmen die niederländische Bahngesellschaft Arriva und die Deutsche Bahn den stündlichen Takt zwischen Leer in Ostfriesland und Groningen auf. Die Verbindung war seit dem 3. Dezember 2015 unterbrochen, als der Massengutfrachter „Emsmoon“ das alte Stahlbauwerk rammte und schwer beschädigte.
Der Neubau trägt den Titel größte Hub-Dreh-Brücke Europas. 335 Meter misst das Stahlfachwerk über die Ems, der bewegliche Mittelteil ist 145 Meter lang und wiegt rund 1.800 Tonnen. Sechs Hydraulikzylinder heben ihn an, acht Hydraulikmotoren drehen ihn in Minuten für die Schifffahrt zur Seite. Das Fachmagazin „Ingenieur.de“ beziffert die Öffnungszeit auf 8,5 Minuten. Der Bund der Steuerzahler nennt mindestens 277 Millionen Euro, die der Wiederaufbau am Ende gekostet hat.
An der feierlichen Sonderfahrt am 1. Oktober nahmen Vertreter aus Berlin, Hannover und Den Haag teil. Parlamentarischer Staatssekretär Christian Hirte (CDU) nannte die Linie einen europäischen Lückenschluss: „Mit der Wunderline wächst Europa auf der Schiene weiter zusammen. Die neue Friesenbrücke und die modernisierte Strecke zeigen zugleich: Investitionen in eine leistungsfähige Schienen-Infrastruktur schaffen ganz konkret bessere Verbindungen.“ Niedersachsens Verkehrsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sagte in Weener, die Strecke mache „aus einer Grenze einen gemeinsamen Weg“.
Der Neubau der Friesenbrücke, die Modernisierung der Schieneninfrastruktur sowie kundenfreundliche und barrierefreie Verkehrsstationen sind entscheidende Voraussetzungen, damit nun wieder Züge zwischen Groningen und Leer fahren können.
Für Reisende bedeutet die Wiederöffnung eine Fahrzeit von rund einer Stunde zwischen Leer und Groningen, laut dem Branchendienst „regionalverkehr.de“ rund 15 Minuten weniger als auf dem früheren Fahrplan. Unter der Woche müssen Fahrgäste in Winschoten umsteigen; am Wochenende verkehrt die RE 6 ohne Halt zum Umsteigen. Grund für die Werktagsregelung sind Geschwindigkeitsbegrenzungen bei Hardegarijp und die Öffnungsprotokolle der Brücke, die den Taktknoten noch nicht ganz schließen lassen.
Vom Schiffsunfall zur europäischen Lückenschließung
Die Friesenbrücke ist das Herzstück des 173 Kilometer langen Projekts Wunderline, das Groningen über Leer, Oldenburg und Bremen an das deutsche Fernnetz koppeln soll. Auf deutscher Seite modernisierte die DB InfraGO 18 Kilometer Gleis und Signaltechnik, die niederländische ProRail passte Weichen, Übergänge und Signale an. „Wir haben Gleise, Signale und Übergänge für schnellere und verlässliche Verbindungen angepasst“, wird ProRail-Regionalchefin Danou Veenhof in der Berichterstattung zitiert.
Elf Jahre lang mussten Pendler, Studierende und Reisende zwischen Ostfriesland und der Provinz Groningen auf einen Busersatz ausweichen oder lange Umwege über Oldenburg oder Winschoten in Kauf nehmen. Erst 2020 war ein Baubeschluss gefallen, Baustart war 2021. Mit dem Fahrplanwechsel am Montag endet eine Phase, in der eine der eingeplanten Nordseehäfen-Verbindungen für den grenzüberschreitenden Nahverkehr nicht nutzbar war. Für die Vollendung der Wunderline bis Bremen - und am Ende bis Amsterdam und Hamburg - fehlen weitere Ausbaustufen.