Die deutschen Gasspeicher gehen mit dem niedrigsten Füllstand seit Beginn der Aufzeichnungen in den Winter. Der Branchenverband Initiative Energien Speichern (INES) veröffentlichte am Dienstag seinen Winterausblick und bezifferte den Startfüllstand zum 1. September auf 53,4 Prozent - rund 18 Punkte unter dem Vorjahreswert von etwa 71 Prozent und der niedrigste Wert für diese Jahreszeit seit 15 Jahren. „Die deutschen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit historisch niedrig gefüllt“, teilte der Verband mit. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt liegen die Speicher aktuell bei rund 66 Prozent.

Die gesetzliche Füllstandsvorgabe von 80 Prozent zum 1. November wird nach INES-Modellrechnungen verfehlt. Technisch erreichbar seien in den kommenden acht Wochen rund 77 Prozent. Für einen normalen Winter würde das reichen, so der Verband: Am 1. April blieben dann rechnerisch noch 38 Prozent Speicherkapazität. In einem Kaltwinter nach dem Muster des Wetterjahres 2010 wären die Speicher nach den Berechnungen des Verbands hingegen bereits Ende Januar geleert; an einzelnen Tagen drohten Unterdeckungen von mehr als 25 Prozent des Bedarfs.

Die Speicherbefüllung muss wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann.
- Sebastian Heinermann, INES-Geschäftsführer, 8. September 2026

Als Hauptursache benennt INES nicht Gasknappheit, sondern die Preisstruktur des Marktes. Wer Gas heute einspeichert und im Winter verkauft, verliert nach Verbandsangaben derzeit 3,14 Euro je Megawattstunde. Der TTF-Referenzpreis liegt bei rund 74 Euro pro Megawattstunde, deutlich über dem Niveau von unter 32 Euro vor dem Beginn der iranischen Hormus-Krise im Februar 2026. Der sonst positive Sommer-Winter-Spread, der Speicherbefüllungen wirtschaftlich macht, ist seit Monaten negativ. INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann fordert deshalb staatliche Entlastungen: Streichung der Konvertierungsumlage, Wegfall der Netzentgelte an Speicherstandorten und Staatskredite für Einspeicherungsgas. Der Verband vertritt 17 Speicherbetreiber und mehr als 90 Prozent der deutschen Speicherkapazität.

Bundesnetzagentur beruhigt, Wirtschaftsministerin unter Druck

Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller wies im Handelsblatt darauf hin, dass die Versorgungssicherheit auch ohne volle Speicher gewährleistet sei: Deutschland beziehe Gas zusätzlich über Pipelines aus Norwegen und über die LNG-Terminals an der Küste. Die Speicher seien „nur ein Indikator unter mehreren“; ihre Rolle habe sich in den vergangenen Jahren geändert. Zugleich räumte Müller ein, dass der aktuelle Füllstand „nicht zufriedenstellend“ sei. Der Anteil deutscher Gasimporte aus Norwegen lag 2025 bei 44 Prozent, die europäischen LNG-Terminals arbeiten laut INES aktuell unter 50 Prozent Auslastung.

Politisch wird der Druck auf Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) größer. Ihr Haus räumte gegenüber t-online eine „angespannte Situation“ ein, sieht bislang aber keine Mangellage. Reiche selbst konnte an einer Kabinettsklausur zum Thema wegen Krankheit nicht teilnehmen. Digitalminister Karsten Wildberger hatte dort auf die Speicherstände hingewiesen und vor möglichen Engpässen gewarnt. Die 2022 unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck eingeführten Füllstandsvorgaben waren zuletzt gelockert worden - eine erneute Verschärfung oder ein staatliches Eingreifen hat Reiche bislang nicht in Aussicht gestellt. Der Bundestag debattiert diese Woche im Rahmen der Haushaltswoche auch den Etat des Wirtschaftsressorts.