Neu ausgewertete Dokumente stellen die offizielle Version zum Tod von Angela Maria „Geli“ Raubal infrage. Der Historiker Harald Sandner hat im Bayerischen Staatsarchiv und im Münchner Stadtarchiv Sterberegister-Einträge und Todesanzeigen entdeckt, die die Auffindung der Leiche von Hitlers Nichte auf den 18. September 1931, 10.15 Uhr datieren - einen ganzen Tag vor der bisher offiziellen Angabe. Der Spiegel hat die Funde am Dienstag dokumentiert, weitere deutschsprachige Medien wie t-online und oe24 haben darüber berichtet.
Bisher galt der 19. September 1931 als Tag, an dem der Hausverwalter Georg Winter die verschlossene Tür zu Raubals Zimmer in Hitlers Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz 16 aufbrach. Die 23-Jährige wurde mit einer Schusswunde in der Brust gefunden, die Waffe war Hitlers Pistole. Der Polizeibericht der Direktion München vom 28. September 1931 sprach von Suizid. Auf Basis dieser Chronologie hatte Hitler stets ein Alibi: Er sei am Nachmittag des 18. September mit dem Wagen nach Nürnberg aufgebrochen.
Zwei Todesanzeigen und ein Registereintrag
Nach Sandners Fund verschieben zwei Todesanzeigen und der Eintrag im Sterberegister des Standesamts München II die Chronologie um 24 Stunden nach vorn. Die Ermittler Raubals hätten den Leichnam schon am Freitagmorgen entdeckt. Hitler befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in München; Sandner rekonstruiert für den 18. September zwischen 10.30 und 12.30 Uhr eine Teilnahme an einer NSDAP-Veranstaltung. Damit fällt die Verteidigungslinie „nicht in der Stadt gewesen“ in sich zusammen.
Beweisen lässt sich eine Manipulation aber nicht.
Sandner sagte laut t-online, er sehe im behördlichen Umgang mit dem Fall „Indizien für eine mögliche Vertuschung“, betont aber, dass ein Nachweis wegen der Aktenlage nach 95 Jahren kaum noch zu führen sei. Auffällig ist für den Historiker vor allem, dass die Leiche trotz der offensichtlichen Schussverletzung nie obduziert wurde - eine Entscheidung, die bereits Zeitgenossen kritisierten. In der Münchner Polizei saßen 1931 mehrere spätere NSDAP-Sympathisanten in leitenden Positionen.
Der Fall Raubal war bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt worden. Aktenlücken, ein sofortiger Zugriff auf Nachlass und Wohnung sowie unklare Umstände beim Waffenbesitz begleiten die Geschichte seit Jahrzehnten. Sandners Fund liefert erstmals ein Dokument, das eine bislang unerklärte Zeitverschiebung greifbar macht - und die Frage nach Hitlers Anwesenheit am Tatort neu stellt.
Eine abschließende historische Bewertung steht aus. Sandner selbst spricht sich gegen vorschnelle Schlüsse aus, mahnt jedoch eine gründliche Neuauswertung der Münchner Bestände an. Weitere Forscherinnen und Forscher hätten nun Anlass, den bekannten Polizeibericht mit den Standesamtsakten und den Anzeigen abzugleichen. Die Diskussion um den 18. September 1931 dürfte damit noch nicht beendet sein.