Der Anatom und „Körperwelten“-Erfinder Gunther von Hagens ist tot. Er starb am 24. Juli im Alter von 81 Jahren in Heidelberg, wie das von ihm gegründete Institut für Plastination am Montag bestätigte. Nach Angaben der Berliner Zeitung war von Hagens einen Tag zuvor mit einer Gehirnblutung in eine Heidelberger Klinik eingeliefert worden. Seit 2008 litt der Mediziner nach eigenen Angaben an Parkinson.
Von Hagens hatte in den 1970er-Jahren an der Universität Heidelberg jenes Verfahren entwickelt, mit dem er weltberühmt wurde: die Plastination. Dabei wird die Körperflüssigkeit toter Menschen und Tiere gegen reaktive Kunststoffe ausgetauscht, sodass Präparate über Jahrzehnte formstabil bleiben. Als er die Technik 1977 zum Patent anmeldete, war Anatomie ein weitgehend akademisches Fach - mit der 1995 gestarteten Wanderausstellung „Körperwelten“ holte von Hagens sie in Einkaufszentren, Turnhallen und Museen. Nach Angaben seines Instituts haben seither mehr als 58 Millionen Menschen weltweit die Präparate gesehen.
Je älter ich werde, umso mehr empfinde ich das Leben als große Ausnahme und den Tod als das Normale.
Die Reaktionen fielen zwiespältig aus - genau wie die Rezeption seines Werks zu Lebzeiten. „Sein Werk war wissenschaftlich, aufklärerisch und zutiefst humanistisch“, erklärte seine Ehefrau und langjährige Kuratorin Angelina Whalley in einer Mitteilung des Instituts. Sein Sohn Rurik von Hagens, heute Geschäftsführer der Gubener Plastinate GmbH, ergänzte, sein Vater habe „nie akzeptiert, dass Grenzen fest sind“, und die Anatomie „aus der abgeschlossenen Welt der Spezialisten in die Gesellschaft gebracht“. Kritikerinnen und Kritiker warfen den Ausstellungen dagegen wiederholt die Verletzung der Menschenwürde vor: Der Berliner Bezirk Mitte hatte 2015 versucht, die Eröffnung eines dauerhaften Museums am Alexanderplatz zu verhindern, weil plastinierte Körper juristisch weiter als Leichen zu behandeln seien. Gerichte gaben von Hagens damals in großen Teilen recht.
Vom politischen Häftling zum Anatomie-Unternehmer
Geboren wurde von Hagens am 10. Januar 1945 als Gunther Gerhard Liebchen in Alt-Skalden, dem heutigen polnischen Skalmierzyce. 1965 begann er ein Medizinstudium in Jena, wurde jedoch wegen eines Fluchtversuchs von der DDR inhaftiert und 1970 von der Bundesrepublik freigekauft. In Heidelberg promovierte er später und habilitierte sich, 1993 gründete er das private Institut für Plastination. 2006 kam mit dem Plastinarium im brandenburgischen Guben eine öffentlich zugängliche Präparationsanlage hinzu. Sein Sohn Rurik führt die Gubener Produktion bis heute.
Im Laufe der Jahre wurde von Hagens auch für kommerzielle Kooperationen und Recherchen wie den Bezug von Leichen aus chinesischen Kliniken kritisiert - Vorwürfe, die er stets zurückwies und die er durch interne Prüfungen und Selbstverpflichtungen zur ausschließlichen Verwendung dokumentierter Körperspenden einzugrenzen versuchte. Zuletzt hatte die Krankheit ihn stark eingeschränkt: In öffentlichen Auftritten trug er einen breitkrempigen schwarzen Hut, der zu seinem Markenzeichen wurde. Wie ZDF und t-online berichten, wird von Hagens nun selbst zum Objekt seiner Erfindung: „Es war Gunther von Hagens’ eigener Wunsch, dass auch sein Körper nach seinem Tod für die Plastination zur Verfügung steht“, teilte das Institut mit. Ob das Präparat später ausgestellt wird, ist offen.