Fast zwei Jahre nach der Tötung Jihia al-Sinwars hat die Hamas einen neuen Anführer. In einer internen Wahl setzte sich Chalil al-Haja gegen den früheren Vorsitzenden Chaled Maschaal durch, wie mehrere deutsche Redaktionen am Sonntag unter Berufung auf die dpa berichteten. Der bisher in Katar ansässige Chefunterhändler löst damit das fünfköpfige Führungsgremium ab, das die Terrororganisation seit Oktober 2024 kollektiv geleitet hatte.

Al-Haja ist im Gazastreifen geboren und lebt seit Jahren überwiegend in Doha. Innerhalb der Hamas galt er als ranghöchster Vertreter im Ausland, seine Aufgabe: die Verhandlungen über eine dauerhafte Beilegung des Gaza-Krieges. Damit hatte er auch die Gespräche geführt, die im Oktober 2025 in eine bis heute geltende, wenn auch brüchige Waffenruhe mündeten. Die im Friedensplan von US-Präsident Donald Trump vorgesehene Entwaffnung der Hamas ist bislang nicht umgesetzt.

Persönlich hat der Krieg al-Haja hart getroffen. Vier seiner Söhne kamen bei israelischen Operationen ums Leben, einer davon bei dem israelischen Luftschlag auf die Hamas-Führung in Doha im vergangenen Jahr. Er selbst gehörte zu den Zielen des Angriffs; nach eigener Darstellung der Hamas scheiterte die Operation. Israel wiederum reklamierte die Aktion offen als Versuch, die Auslandsführung der Organisation auf einen Schlag auszuschalten.

Ein Führungsvakuum, das lange offen blieb

Nach dem Tod Sinwars im Oktober 2024 hatte sich die Hamas gegen einen einzelnen Nachfolger entschieden und die Führung auf ein Gremium aus fünf Personen verteilt - unter ihnen al-Haja. Diese Konstruktion galt intern als Zwischenlösung, weil die klassische Struktur mit einem Auslandschef in Doha oder Beirut nach den israelischen Schlägen der Vorjahre nicht mehr belastbar war. Dass die Wahl nun ausgerechnet auf einen Kandidaten fiel, dessen Familie im Krieg dezimiert wurde und der zugleich das Gesicht der Verhandlungen mit Katar, Ägypten und den USA ist, wird von Beobachtern in beide Richtungen gelesen: als Signal an die eigene Basis wie an die Vermittler.

Maschaal, der die Hamas bereits von 1996 bis 2017 geführt hatte und weiterhin in Doha residiert, verkörperte dagegen die ältere, im Exil aufgebaute Kaderführung. Seine Niederlage macht deutlich, dass die Organisation den Kurs derer bestätigt, die zuletzt operativ am Verhandlungstisch saßen - und damit auch im Fokus israelischer Angriffe standen.

Waffenruhe hält, Gewalt hört nicht auf

Die seit Oktober 2025 geltende Feuerpause verhindert bislang eine Rückkehr zum offenen Krieg, dennoch berichten palästinensische wie israelische Quellen immer wieder von tödlichen Zwischenfällen. Israel kontrolliert nach eigener Darstellung mehr als die Hälfte des Gazastreifens, die Hamas beherrscht die verbleibenden Gebiete faktisch weiter. Ob al-Haja aus dieser Konstellation heraus stärker auf Kompromiss oder auf Konfrontation setzt, dürfte den nächsten Zug in den ins Stocken geratenen Verhandlungen bestimmen.