Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt gut zwei Monate nach der Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze vor einer weiterhin ungebrochenen Paketflut aus China. Zwar zeigten die neuen EU-Zölle Wirkung, sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Dienstag. Doch die Plattformen Temu und Shein werden ihre Strategie anpassen: „Temu, Shein und wie sie alle heißen, werden sich anpassen, und sie werden weitermachen“, sagte Genth. Ins Geschäftsmodell der chinesischen Anbieter treffe man mit der Reform zwar - stoppen lasse es sich damit nicht.

Nach Angaben des Verbandes kommen aktuell rund 300.000 Pakete täglich von den Billigplattformen in Deutschland an, vor der Zollreform waren es 400.000. Frankreich meldet einen Rückgang von 30 bis 40 Prozent seit Wegfall der Freigrenze zum 1. Juli. Seit Juli fallen pro Warenkategorie drei Euro Zoll an, ab November kommen zwei Euro Bearbeitungsgebühr hinzu. „Fünf Euro, mein Gott - da hätten wir uns deutlich mehr vorgestellt“, sagte Genth. Selbst bei einem Drittel weniger Sendungen bleibe es bei Hunderttausenden Paketen pro Tag.

Wir treffen das Geschäftsmodell etwas, aber wir stoppen Shein und Temu damit leider nicht.
- Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer Handelsverband Deutschland

Kontrollen bleiben Stichprobe

Genth kritisiert vor allem die Vollzugslücke im Zoll. „Der Zoll kann nur Stichproben machen, und das hilft nicht ausreichend“, sagte er. Selbst eine Verdreifachung des Personals im deutschen Zoll wäre nach Einschätzung des HDE nicht genug, um die Warenströme belastbar zu kontrollieren. Der Verband verwies erneut auf Produktsicherheit: Kinderschuhe mit erhöhten Chrom-Werten und andere in der EU nicht zugelassene Artikel würden weiterhin problemlos auf den deutschen Markt gelangen.

Für den stationären Einzelhandel bleibt die Lage angespannt. Die Bundesregierung hat für Ende des Jahres eine Zwischenauswertung angekündigt, um zu prüfen, ob die 2024 in Brüssel beschlossene Reform ihre Wirkung entfaltet. Die EU-Kommission arbeitet parallel an einer Ausweitung der Produkthaftung auf außereuropäische Marktplätze - ein Vorhaben, das bereits im Sommer erste Konturen erhalten hatte und ab 2027 gelten soll. Der HDE fordert bis dahin verbindliche Meldepflichten für Plattformen, damit Zoll und Marktüberwachung überhaupt einen belastbaren Überblick bekommen.