Seit dem frühen Mittwochmorgen hat die Polizei in Deutschland und drei weiteren europäischen Ländern einen der größten Zugriffe gegen die Organisierte Kriminalität der vergangenen Jahre gefahren. Rund 1.000 Einsatzkräfte durchsuchten unter Federführung der Staatsanwaltschaft Duisburg und des Landesoberbehörde zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW mehr als 100 Objekte, 14 Haftbefehle wurden vollstreckt. Ins Visier geraten sind 71 Beschuldigte, darunter hochrangige Mitglieder der Rockergruppe Hells Angels.

Schwerpunkt der Durchsuchungen war Duisburg und das übrige Nordrhein-Westfalen. Parallel liefen Zugriffe in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Berlin und Bayern sowie in Belgien, Bulgarien und den Niederlanden. Vermögenswerte in Höhe von 48,6 Millionen Euro wurden vorläufig gesichert, wie die Behörden am Mittwoch in Duisburg mitteilten. Die Vorwürfe reichen von Bildung einer kriminellen Vereinigung über Erpressung, Betrug und Geldwäsche bis zu Waffen- und Steuerdelikten.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) stufte den Einsatz als wegweisend ein. „Das ist der größte Schlag gegen die Organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren“, erklärte Reul auf der Pressekonferenz in Duisburg. Entscheidend sei weniger die Zahl der Durchsuchungen als der finanzielle Zugriff, so der Minister.

Wer die Organisierte Kriminalität treffen will, muss ans Geld. Denn Geld ist ihr Antrieb und Geld ihre Achillesferse.
- Herbert Reul, NRW-Innenminister

Reul beschrieb die Struktur hinter den Rockern bewusst nüchtern: „Organisierte Kriminalität ist nicht nur die Kutte auf der Straße. Dahinter steckt ein Firmengeflecht aus Firmen und Immobilien, das schmutziges Geld sauber aussehen lässt.“ Die Steuerfahndung sei dabei „oftmals der erste Ansatz, um das Dunkelfeld Organisierter Kriminalität zu erhellen und deren Strukturen zu zerschlagen“, zitiert ihn die Rheinpfalz.

Verdacht gegen einen Polizisten und drei Mitarbeiter der Stadt Duisburg

Besonders brisant ist die Ausweitung der Ermittlungen auf Insider des Staatsapparats. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft steht ein Polizeibeamter im Verdacht, dienstlich erlangte Informationen an Dritte weitergegeben zu haben. Hinzu kommen drei Beschäftigte der Stadt Duisburg: Zwei sollen ebenfalls Dienstgeheimnisse verraten haben, ein weiterer steht unter dem Verdacht der Bestechlichkeit, wie die „Schwäbische“ unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtet.

Ausgangspunkt der mehrjährigen Ermittlungen war eine Schießerei am Hamborner Altmarkt in Duisburg vom Mai 2022, an der nach Behördenangaben mehr als 100 Personen beteiligt waren - Mitglieder der Rockerszene und einer türkisch-libanesischen Großfamilie. Von dort aus hätten die Ermittler ein bundes- und europaweit tätiges Geldwäschenetz aufgedeckt, dessen Spuren bis in Firmen- und Immobilienkonstrukte in mehreren Ländern reichen, so der gemeinsame Bericht von Duisburger Staatsanwaltschaft und NRW-Finanzfahndung.

29 Charter mit 469 Mitgliedern allein in NRW

Zur Dimension der Szene: Nach Zahlen des Landeskriminalamts aus dem Frühjahr gehören in Nordrhein-Westfalen 469 Mitglieder zu 29 Chartern der Hells Angels. Rockerclubs stufen Behörden seit Jahren als Teil der Organisierten Kriminalität ein, weil sie Erpressung, Prostitution und Geldwäsche strukturiert betreiben. Reul kündigte an, den Druck zu halten: „Wenn der Staat sich die Beute zurückholt, tut das mehr weh als jede Hausdurchsuchung.“

Wie viele der 14 am Mittwoch festgenommenen Beschuldigten in Untersuchungshaft kommen, soll in den kommenden Tagen entschieden werden. Die Staatsanwaltschaft Duisburg erklärte, man habe erst einen Teil des Netzwerks aufgedeckt. „Wir sind noch lange nicht fertig. Wir bleiben dran“, sagte Reul.