Die fünf großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen für dieses Jahr mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. In der am Donnerstagmorgen in Berlin vorgestellten Gemeinschaftsdiagnose verdoppeln die Ökonomen damit ihre Erwartungen gegenüber dem Frühjahrsgutachten, das noch von 0,6 Prozent ausgegangen war. Für 2027 veranschlagen Ifo, DIW, RWI, IfW Kiel und IWH Halle 1,1 Prozent, für 2028 nur noch 0,4 Prozent.

Als Hauptgrund für die kräftige Aufwärtskorrektur nennen die Institute die staatlichen Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellte Prognose spricht von einem Fiskalimpuls, der die deutsche Konjunktur trägt. Zudem sei der befürchtete Energiepreisschock durch den Iran-Konflikt milder ausgefallen als im April kalkuliert. Nach Institutsangaben liegen die einzelnen Häuser dabei eng beieinander: Ifo und IWH sehen 1,4 Prozent, RWI und IfW Kiel 1,3 Prozent, das DIW Berlin 1,2 Prozent.

Klingbeil sieht Kurs bestätigt

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) reagierte umgehend. „So gewinnt Deutschland an wirtschaftlicher Kraft, obwohl die internationale Lage weiter von Krisen geprägt ist“, teilte der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler mit. Die verbesserten Zahlen zeigten, dass die Investitionsentscheidungen der Koalition „ein starker Wachstumstreiber“ seien. Klingbeil verwies zusätzlich auf die am selben Vormittag veröffentlichte OECD-Prognose, die Deutschland für 2026 nun 1,1 Prozent Wachstum in Aussicht stellt - 0,4 Punkte über dem Juni-Wert. Die Zahlen widersprächen „all denjenigen, die Deutschland permanent kritisieren“, so der Minister.

Die Institute selbst formulieren zurückhaltender. Ihr Gutachten trägt den Titel „Erholung mit Strukturproblemen - Finanzpolitik auf Abwegen“ und warnt, dass die Investitionsmilliarden nur einen kurzen Konjunkturschub auslösten, sollten Strukturreformen ausbleiben. Für 2028 rechnen die Häuser mit einem Wachstum knapp über dem gesunkenen Produktionspotenzial. Auch bei der Inflation bleibt der Druck erhalten: Die Verbraucherpreise sollen 2026 im Schnitt um 2,7 bis 2,8 Prozent zulegen. Die schwache private Konsumnachfrage und die geringen Unternehmensinvestitionen bezeichnen die Ökonomen als anhaltende Bremsklötze.

So gewinnt Deutschland an wirtschaftlicher Kraft, obwohl die internationale Lage weiter von Krisen geprägt ist.
- Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister

Vertreterinnen und Vertreter der Institute mahnten bei der Vorstellung erneut Reformen der Sozialsysteme, des Steuerrechts und der Genehmigungsverfahren an. Ohne diese Weichenstellungen drohe der laufende Aufschwung im Wahlkampfjahr 2027 ins Leere zu laufen. Die Bundesregierung hatte die Institute im vergangenen Herbst mit der halbjährlichen Gemeinschaftsdiagnose beauftragt; das Herbstgutachten fließt traditionell in die Jahresprojektion des Bundeswirtschaftsministeriums ein, die Ende Oktober erwartet wird.