Um 8:15 Uhr Ortszeit läutete am Donnerstagmorgen die Friedensglocke im Hiroshima Peace Memorial Park. Auf die Sekunde 81 Jahre nach dem Abwurf der ersten atomaren Waffe der Kriegsgeschichte hielten rund 50.000 Menschen im Zentrum der wiederaufgebauten Stadt eine Schweigeminute für die etwa 140.000 Opfer, die bis Ende 1945 an den Folgen der US-Bombe „Little Boy“ starben. Vertreter aus rund 120 Ländern und Regionen einschließlich der Vereinigten Staaten und des Iran nahmen an der Zeremonie teil. Erstmals in ihrer Amtsfunktion war die neue japanische Premierministerin Sanae Takaichi angereist.

Im Zentrum der jährlichen Friedensdeklaration stand die Abrechnung von Bürgermeister Kazumi Matsui mit der nuklearen Abschreckungsdoktrin. Zu viele politische Verantwortliche hielten Abschreckung weiter für einen „realistischen Ansatz“, zitierte die Nachrichtenagentur AP aus seiner Rede; das rücke die Welt ohne Atomwaffen nur weiter in die Ferne. Wer die Unmenschlichkeit von Atomwaffen kleinrede und Gewalt als Mittel zur Wahrung des eigenen Wohlstands akzeptiere, riskiere „Zyklen gewaltsamer Vergeltung, die letztlich in ein weiteres Hiroshima oder Nagasaki münden könnten“. An die Regierungen der Welt richtete Matsui, zugleich Präsident der Organisation Mayors for Peace, die Forderung nach einer sofortigen Abschaffung aller Kernwaffen.

Zu viele politische Verantwortliche akzeptieren nukleare Abschreckung noch immer als realistischen Ansatz. Das rückt eine Welt ohne Atomwaffen weiter in die Ferne.
- Kazumi Matsui, Bürgermeister von Hiroshima

Takaichis Auftritt fiel demgegenüber auffallend zurückhaltend aus. Wie die Japan Times berichtet, versicherte die Regierungschefin einen „realistischen Ansatz“ auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt im Rahmen der Vereinten Nationen, bekannte sich in ihrer Rede jedoch nicht ausdrücklich zu den drei sogenannten Nichtatomprinzipien, die Japan seit 1967 nach außen vertritt: keine Atomwaffen zu besitzen, keine herzustellen und keine ins Land zu lassen. Ihre national-konservative LDP-Regierung debattiert seit Wochen offen, den dritten Grundsatz aufzuweichen, um US-Atomwaffen etwa auf Schiffen in japanischen Häfen zulassen zu können. Die noch etwa 91.000 lebenden Hibakusha, die Überlebenden der Bombe mit einem Durchschnittsalter von 86 Jahren, hatten die Regierung im Vorfeld gedrängt, dem UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen beizutreten. Bislang lehnt Tokio das mit Verweis auf den US-Nuklearschirm ab.

353.639 Namen im Kenotaph

Die diesjährige Zählung der Todesopfer wurde bei der Zeremonie erneut fortgeschrieben. Auf dem Kenotaph des Friedensparks sind laut der US-Militärzeitung Stars and Stripes nun 353.639 Namen eingetragen, 4.393 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der noch lebenden Hibakusha ist gegenüber 2025 um rund 8.000 gesunken. US-Botschafter George Glass blieb der Feier fern; die Vereinigten Staaten wurden durch den stellvertretenden Missionschef Aaron Snipe vertreten. Nihon Hidankyo, die 2024 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Dachorganisation der Überlebenden, war präsent und wiederholte ihre Forderung nach dem Beitritt Japans zum UN-Verbotsvertrag.

Mahnwachen in Deutschland

In Deutschland begleiteten dezentrale Gedenkveranstaltungen den Tag. Das Netzwerk Friedenskooperative listete für den 6. und 9. August mehr als hundert Mahnwachen und Kundgebungen. In Nürnberg trafen sich Vertreter des Evangelischen Forums für den Frieden, der Ärzteorganisation IPPNW, der Mission EineWelt und weiterer Gruppen zur Mahnwache auf der Museumsbrücke. Sie appellierten an die Bundesregierung, sich klar zum Ziel einer atomwaffenfreien Welt zu bekennen und aus der Nutzung von Kernenergie auszusteigen. Matsui richtete nach Angaben des Bündnisses in diesem Jahr ein persönliches Grußwort an die deutschen Aktivistinnen und Aktivisten.

In Berlin fällt der Jahrestag in eine Debatte, die durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verschoben wurde. Bundesregierung und Bundestagsparteien haben in den vergangenen Jahren die Beteiligung an der nuklearen Teilhabe der NATO ausgeweitet und die Beschaffung neuer F-35-Kampfjets für den Einsatz mit US-Atomwaffen auf den Weg gebracht. Der UN-Atomwaffenverbotsvertrag bleibt für Deutschland ausgeschlossen. Es ist genau diese Kombination, die Matsui am Donnerstag angeprangert hat: die Rückkehr der Abschreckung in die politische Normalität, drei Generationen nach der Bombe.