Das britische Hochgeschwindigkeitsprojekt HS2 wird teurer und kommt später als je zuvor offiziell eingeräumt. Verkehrsministerin Heidi Alexander stellte am Montag, dem 19. Mai, im Unterhaus die Ergebnisse einer Generalüberprüfung des Projekts vor. Demnach kostet allein die verbliebene erste Bauphase zwischen London und Birmingham nach heutiger Schätzung zwischen 87,7 und 102,7 Milliarden Pfund - gerechnet in Preisen von 2025. Fahrgäste sollen die Strecke frühestens 2036 nutzen können.
Als der damalige Premierminister Gordon Brown das Vorhaben 2009 auf den Weg brachte, war von knapp 38 Milliarden Pfund die Rede. Die nun vorgelegten Zahlen markieren damit annähernd eine Verdreifachung der ursprünglichen Kalkulation. Den ersten Abschnitt von Old Oak Common im Westen Londons nach Birmingham Curzon Street datiert die Überprüfung auf einen Zeitraum zwischen Mai 2036 und Oktober 2039. Die vollständige Anbindung des Londoner Bahnhofs Euston soll erst zwischen Mai 2040 und Dezember 2043 folgen. Das zuvor genannte Zielfenster 2029 bis 2033 hatte bereits eine Zwischenbewertung im März 2025 verworfen.
Um Kosten zu drücken, wird das Projekt entkernt. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit sinkt von 360 auf 320 Stundenkilometer; das spare bis zu 2,5 Milliarden Pfund und mindestens ein Jahr Bauzeit, heißt es in der Überprüfung. Auch die ursprünglich vorgeschriebene automatische Zugsteuerung (ATO) fällt weg - sie sei für die geplante Taktung von zehn Zügen je Stunde nicht erforderlich. HS2-Chef Mark Wild, im März 2025 eigens mit dem Sparauftrag betraut, verantwortet den Umbau im laufenden Betrieb. „Es ist, als würde man den Motor eines Flugzeugs während des Fluges austauschen“, sagte Alexander dazu im Unterhaus.
Es ist, als würde man den Motor eines Flugzeugs während des Fluges austauschen.
Die „Erbsünden“ des Projekts
Die Überprüfung benennt nach Darstellung der Ministerin die konstruktiven Ursprungsfehler von HS2: eine Fixierung auf höchstmögliche Geschwindigkeiten und daraus folgende maßgeschneiderte, überkomplexe Bauwerke. Alexander betonte, Fahrgäste wollten „verlässliche Züge, die fahren, wenn sie sollen“, und kein „Prestigeprojekt“. Unter Wilds Leitung seien zuletzt sechs größere Baumeilensteine vor dem Zeitplan erreicht und rund 300 Verwaltungsstellen gestrichen worden.
HS2 war als Netz geplant, das London über Birmingham mit Manchester, Liverpool und Leeds verbinden sollte. Premierminister Rishi Sunak strich den zweiten Abschnitt nach Manchester bereits im Oktober 2023 mit Verweis auf die ausufernden Kosten. Schon damals stellte der frühere Finanzminister Jeremy Hunt fest, der Bau von Hochgeschwindigkeitsstrecken sei in Großbritannien „zehnmal teurer als in Frankreich“, wie das Handelsblatt berichtete. Der nationale Rechnungshof hatte bereits 2016 vor einer Kostenexplosion gewarnt und die Summe seinerzeit auf 55,7 Milliarden Pfund taxiert.
Im britischen Parlament läuft die Aufarbeitung weiter: Zwei Ausschüsse haben im Mai 2026 eine erneute Prüfung von Kosten und Zeitplänen eingeleitet. Auch im deutschsprachigen Raum gilt HS2 längst als Warnbeispiel für entgleiste Großprojekte - die Neue Zürcher Zeitung nennt es ein „Milliardengrab“, das Handelsblatt fragte schon 2023, warum britische Großvorhaben so regelmäßig scheitern. Die abgespeckte Strecke zwischen London und Birmingham wird weitergebaut; offen bleibt vor allem, wann und in welcher Form der zentrale Endbahnhof Euston tatsächlich ans Netz geht.