Das ifo-Institut sieht die deutsche Wirtschaft trotz Energiepreisschock wieder im leichten Aufwärtstrend. In seiner Sommerprognose vom Donnerstag hebt das Münchner Institut die Wachstumserwartung für 2026 auf 0,8 Prozent an, nach 0,6 Prozent im Frühjahrsgutachten. Für 2027 rechnet ifo ebenfalls mit 0,8 Prozent.
Hinter der Anhebung steht eine zentrale Annahme: Der Konflikt am Persischen Golf, der die Straße von Hormus monatelang blockiert hatte, klingt nach Einschätzung des Instituts in den kommenden Wochen weiter ab. Im Frühjahr hatten die Ökonomen ihre Prognose nach den US- und israelischen Angriffen auf den Iran in einem „Eskalationsszenario“ auf 0,6 Prozent gesenkt. Mit dem in Genf unterzeichneten Rahmenabkommen zwischen Washington und Teheran gilt dieser Pfad als entschärft.
Die Wirtschaft steht konjunkturell im Zeichen gegensätzlicher Kräfte.
Die Bremse beziffert ifo konkret: Der Energiepreisschock kostet die Konjunktur je 0,4 Prozentpunkte BIP-Wachstum in den Jahren 2026 und 2027. Auf der Gegenseite trägt die expansive Finanzpolitik der Bundesregierung je 0,5 Punkte bei. Die Mehrausgaben für Infrastruktur, Klimaneutralität und Verteidigung summieren sich auf 0,9 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr und 0,5 Prozent im kommenden, wie das Institut vorrechnet. „Die deutsche Wirtschaft wird vorübergehend stagnieren, nicht aber in eine Rezession fallen“, sagte Konjunkturchef Timo Wollmershäuser bei der Vorstellung der Prognose.
Den Kaufkraftverlust durch teurere Importenergie schätzt das Institut auf rund 34 Milliarden Euro für beide Jahre zusammen. Die Gesamtinflation bleibt mit 2,9 Prozent 2026 und 2,7 Prozent 2027 deutlich über dem EZB-Ziel; die Kerninflation steigt von 2,4 auf 2,7 Prozent. Am Arbeitsmarkt rechnen die Münchner mit einem Rückgang der Erwerbstätigen um 140.000 Personen, die Arbeitslosenquote liegt 2026 bei 6,3 Prozent, ehe sie 2027 auf 6,1 Prozent zurückgeht.
Weltwirtschaft zieht davon
Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland deutlich hinter dem globalen Trend zurück. Die Weltwirtschaft legt nach ifo-Schätzung 2026 um 2,2 Prozent und 2027 um 2,4 Prozent zu. Wollmershäuser nennt das strukturelle Wachstumspotenzial als Sorgenkind: Es sinke bis zum Ende des Jahrzehnts auf nur noch 0,1 Prozent. „Um das Wachstumspotenzial nachhaltig zu steigern, bedarf es tiefgreifender Reformen“, so der Konjunkturchef.
Die Sommerprognose des ifo-Instituts ist die erste größere Aktualisierung deutscher Wirtschaftsforscher nach dem Genfer Rahmenabkommen vom 12. Juni. Damit wird sie zur Messlatte für die Frage, wie tief die Erholung trägt, falls die Hormus-Passage tatsächlich Schritt für Schritt wieder öffnet. Bestätigt sich die Annahme nicht, bleibe das Risiko einer schärferen Bremsspur, betont ifo.