Die IG Metall hat am Freitag Tausende Beschäftigte der Stahlindustrie auf die Straße gebracht. In Berlin zogen nach Gewerkschaftsangaben rund 1.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus mehr als 40 Betrieben vom Brandenburger Tor zum Bundeswirtschaftsministerium. Parallel beteiligten sich nach Polizeiangaben in Völklingen im Saarland insgesamt 8.500 Menschen an mehreren Demonstrationszügen. Im Mittelpunkt der Forderungen standen bezahlbare Energie, ein wirksamer Schutz gegen Billigimporte und verlässliche politische Unterstützung für den klimaneutralen Umbau der Branche.
„Die Politik hat in den vergangenen Monaten - auf unseren Druck hin - einiges für die Stahlindustrie getan“, sagte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, vor den Demonstrierenden in Berlin. Die Bundesregierung dürfe jetzt aber nicht auf halbem Weg stehen bleiben, sondern müsse ihre Versprechen einlösen. Konkret geht es der Gewerkschaft um eine dauerhafte Absenkung des Industriestrompreises und um die Bewahrung des europäischen Emissionshandels, dessen Überprüfung in Brüssel im Juli ansteht. Die schwarz-rote Koalition hatte zwar einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen beschlossen, dieser ist jedoch befristet und steht unter Haushaltsvorbehalt.
Stahl ist systemrelevant.
Begleitet wurde die Kundgebung von Spitzenvertretern der Opposition. Linken-Chefin Ines Schwerdtner und Grünen-Vorsitzender Felix Banaszak traten gemeinsam mit Betriebsräten und Arbeitsdirektoren der Stahlkonzerne auf. Damit setzte die IG Metall zugleich ein politisches Signal an die CDU-geführte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, die in der Branche umstrittene Vorstöße zur Überprüfung der CO2-Bepreisung erwägt. Aus dem Saarland hatte Ministerpräsidentin Anke Rehlinger zuvor vor einem Aufweichen der Klimaschutzziele gewarnt.
Tiefstand seit der Finanzkrise
Die Lage der Branche ist akut. Die deutschen Stahlhersteller produzierten 2025 nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl, den niedrigsten Wert seit dem Krisenjahr 2009. Hauptabnehmer Automobilindustrie steckt selbst im Umbruch, gleichzeitig drücken Billigimporte aus China und US-Zölle auf die Margen. Bei Thyssenkrupp Steel Europe, dem größten deutschen Stahlhersteller mit Sitz in Duisburg, sollen rund 11.000 Stellen abgebaut oder ausgegliedert werden. Auch Salzgitter, das wie Thyssenkrupp den Umstieg auf wasserstoffbasierte Direktreduktion vorbereitet, kämpft mit schwacher Nachfrage und hohen Investitionskosten. Insgesamt sieht die Gewerkschaft Zehntausende Arbeitsplätze in Gefahr.
Hochöfen, Walzwerke und die geplanten Lichtbogenöfen für grünen Stahl verbrauchen enorme Mengen Energie. Den von der Bundesregierung eingeführten Industriestrompreis nennt die IG Metall „homöopathisch“, weil die Hilfe befristet und im Volumen begrenzt sei. Ohne planbare Energiekosten, so die Argumentation, lasse sich die milliardenschwere Umstellung auf klimafreundliche Verfahren nicht stemmen. Kerner kündigte an, der Druck auf die Koalition werde nicht nachlassen, bis verbindliche Zusagen für die Stahlstandorte in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und im Saarland vorliegen.