Die Inflation in Deutschland ist im September nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamts auf 3,3 Prozent gestiegen. Das teilte Destatis am Dienstag in Wiesbaden mit. Gegenüber August, als die Rate 2,9 Prozent betrug, legten die Verbraucherpreise binnen eines Monats um weitere 0,6 Prozent zu. Zuletzt hatte die Teuerung im Dezember 2023 mit 3,7 Prozent über der Drei-Prozent-Marke gelegen. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex, den die Europäische Zentralbank für den Euroraum heranzieht, kletterte ebenfalls auf 3,3 Prozent.
Haupttreiber ist die Energie. Haushaltsenergie und Kraftstoffe verteuerten sich binnen Jahresfrist um 14,9 Prozent - im August waren es noch 10,5 Prozent, im Juli 8,3. E10 und Diesel erreichten im September Rekordwerte an deutschen Zapfsäulen. Ursache ist der Ölpreis: Brent hatte zeitweise die Marke von 100 US-Dollar je Barrel überschritten, nachdem Huthi-Verbände die Meerenge Bab al-Mandab neu unter Beschuss genommen hatten und die Nahost-Spannungen die Prämien in die Höhe trieben. Die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel blieb dagegen stabil bei 2,4 Prozent, Nahrungsmittel legten nur um 0,4 Prozent zu, Dienstleistungen um 2,7 Prozent.
Ökonomen deuten die Zahlen als Wendepunkt. „Die Inflation verfestigt sich“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann warnte, ein Preisauftrieb dieser Höhe drohe „zum Dauerzustand“ des Jahres 2027 zu werden. Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser rechnet damit, dass Unternehmen die höheren Energiekosten im Winter zunehmend an die Kunden weitergeben.
Die Inflation verfestigt sich.
Tankrabatt soll ab Donnerstag entlasten
Politisch verschärft der Sprung den Druck auf die Koalition. Der neue Tankrabatt greift erst ab dem 1. Oktober und läuft bis Jahresende: Die Energiesteuer auf Kraftstoffe sinkt um rund 17 Cent je Liter. Der Bundestag hatte das Instrument nach zähem Ringen zwischen Union und SPD am 25. September mit 434 zu 128 Stimmen beschlossen. Michael Heise vom Vermögensverwalter HQ Trust schätzt den Effekt allerdings als bescheiden ein: Die Rate lasse sich damit rechnerisch um „zwei Zehntel“ Prozentpunkte drücken - dauerhaft dürfte das kaum wirken, wie schon die kurze Neuauflage 2025 gezeigt habe, als die Preise nach Auslaufen des Rabatts rasch wieder anzogen.
EZB steht vor neuer Debatte
Für die Europäische Zentralbank verkompliziert der Sprung die Lage. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte den Leitzins Anfang September auf 2,5 Prozent gesenkt und dabei eine schrittweise Rückkehr zum Zwei-Prozent-Ziel bis Anfang 2027 in Aussicht gestellt. Ein Basiseffekt vom Vorjahr, als die Energiepreise stark gefallen waren, ist rechnerisch mitverantwortlich für den aktuellen Anstieg - aber eben nicht die einzige Ursache. Die endgültigen deutschen Zahlen legt Destatis am 13. Oktober vor, die Eurozonen-Daten folgen am 1. Oktober. Bis dahin dürfte in Frankfurt die Frage sein, ob die Preisdaten den geldpolitischen Kurs kippen - oder ob die Notenbank die Energiepreise als Sondereffekt buchen kann.