Das 2:2 zwischen Iran und Neuseeland in der Nacht zum Dienstag im SoFi Stadium in Inglewood war eines der intensivsten Spiele des bisherigen WM-Verlaufs - und doch standen die politischen Bilder am Ende über dem Sportlichen. Wenige Stunden vor dem Anpfiff hatte ein Richter des Los Angeles County Superior Court bestätigt, dass die FIFA die historische Löwe-und-Sonne-Flagge im Stadion verbieten darf. Hunderte iranische Exilanten demonstrierten vor der Arena, drinnen war das verbotene Banner trotzdem zu sehen, und die iranische Hymne ging im Pfeifkonzert unter.

Geklagt hatten das Institute for Voice of Liberty und ein Iran-Fan. Richter Curtis A. Kin verwarf den Antrag auf einstweilige Verfügung am Montagvormittag Ortszeit, wie der Tagesspiegel und sport1.de berichteten. Die Meinungsfreiheit sei „ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft“, befand Kin, „sie ist jedoch nicht grenzenlos“ - schon gar nicht auf privatem Gelände einer Veranstaltung mit Eintrittskarte. Ein Stadion sei kein öffentlicher Park und keine Straße, sondern privater Boden mit Hausrecht. Die FIFA stuft die vorrevolutionäre Flagge mit Löwen und Sonne als politisches Symbol ein und verweist auf ihr generelles Politikverbot in den Arenen.

Pfiffe zur Hymne, Lion-and-Sun im Block

Vor dem SoFi Stadium versammelten sich nach Berichten von NBC Los Angeles mehrere hundert Demonstrantinnen und Demonstranten aus der iranisch-amerikanischen Diaspora, die sich überwiegend gegen die Führung in Teheran richtet. Plakate prangerten die „terroristische Islamische Republik“ an, ein Banner zeigte die Gesichter der Nationalspieler mit rotem Kreuz und der Aufschrift „IRGC Team“. Drinnen entfaltete sich ein zweites Bild: Tausende Fans trugen Schals und Kappen in den Farben der vorrevolutionären Trikolore, einige hielten verbotene Lion-and-Sun-Flaggen hoch, andere die offizielle Republikfahne mit durchgestrichenem Staatswappen. Während der iranischen Hymne pfiffen weite Teile des Publikums, die Spieler standen mit der Hand auf der Brust am Mittelkreis. Al Jazeera sichtete zusätzlich palästinensische und israelische Fahnen sowie Banner mit der Aufschrift „MINAB 168“.

Sobald man im Stadion war, hörte man nur Iran, Iran, Iran. Die Energie war unglaublich.
- Stadionbesucher, Al Jazeera

Teheran hatte mit Spielabbruch gedroht

Schon im Vorfeld hatte Irans Sportminister Ahmed Donjamali angekündigt, die Mannschaft werde das Feld verlassen, sollten politische Parolen in den Stadien zu hören sein, wie der Tagesspiegel meldete. Teheran besteht offiziell auf der Republikfahne. Vergleichbare Szenen hatte The Athletic bereits am Samstag beim Spiel Katar gegen Schweiz beobachtet - dort tauchten ebenfalls vereinzelt verbotene Flaggen in den Blöcken auf. Eine Sperre, die unter den Bedingungen der WM 2026 in den Vereinigten Staaten kaum lückenlos durchsetzbar ist: Südkalifornien beheimatet nach Schätzungen die größte iranische Diaspora außerhalb des Iran.

Sportlich glich die Mannschaft von Trainer Amir Ghalenoei zweimal einen Rückstand aus und kam zum 2:2 - Mohammad Mohebi traf in der 64. Minute, Ramin Rezaeian zuvor zum 1:1. Mit einem Punkt im Auftakt der Gruppe G bleibt Iran in Reichweite des Achtelfinals. Was an Bildern aus dem SoFi Stadium um die Welt ging, hatte mit Tabellenarithmetik aber kaum noch zu tun. Es ging um eine Flagge, einen US-Richter, eine Diaspora - und um die Frage, in wessen Namen elf Männer in roten Trikots an der Mittellinie standen.