Die Spectrum-Rakete des Münchner Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace hat am Samstagabend als erste deutsche Trägerrakete die Erdumlaufbahn erreicht. Um 22:12 Uhr Ortszeit hob die zweistufige Rakete vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya Spaceport ab. Rund sieben Minuten später bestätigte das Kontrollzentrum die Trennung der Oberstufe auf einer elliptischen Bahn um die Erde. Es ist der erste Orbitalflug einer Trägerrakete von westeuropäischem Boden aus.

Die Qualifikationsmission trug den Namen „Onward and Upward“. An Bord waren fünf Kleinsatelliten - darunter der CyBEEsat der TU Berlin, FramSat-1 der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie sowie Nutzlasten aus Wien, Maribor und der bulgarischen EnduroSat - dazu ein technologisches Experiment der Münchner Firma Dcubed, das an der Oberstufe verbleibt. Es war der erste Spectrum-Flug mit kommerzieller Fracht und Teil der DLR-Microlauncher-Konkurrenz, die Isar Aerospace bereits im April 2021 gewonnen hatte.

Der erste Testflug im März 2025 war nach weniger als einer Minute im Absturz geendet. Ein ungewollt geöffnetes Ventil hatte damals die Lagekontrolle der Rakete zerstört. Seither hat das Team hunderte Bauteile aus dem Design gestrichen, Hard- und Software überarbeitet und vier weitere Startversuche seit Januar 2026 verschieben müssen - wegen eines defekten Druckventils, wetterbedingter Abbrüche, eines Range-Verstoßes durch ein unautorisiertes Boot und eines Lecks in einem Verbundwerkstoff-Druckbehälter.

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) reagierte prompt: „Deutschland kann Raumfahrt“, schrieb sie und sprach von einem Beleg „deutscher Ingenieurskunst“ sowie „grenzüberschreitender Kooperation“ mit dem norwegischen Partner. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte den Startplatz bereits im März besucht und damit auf europäische Autonomie im All hingewiesen. Bislang wird der überwiegende Teil europäischer Satelliten von Elon Musks SpaceX in den Orbit gebracht.

Ottobrunner Ingenieurskunst gegen SpaceX-Dominanz

Der Zugang zum Weltraum bleibt eine der größten Hürden für die Raumfahrtindustrie.
- Daniel Metzler, CEO Isar Aerospace, gegenüber t-online

Isar-Aerospace-Chef Daniel Metzler hatte den Zugang zum Weltraum vor dem Start als eine der „größten Hürden“ für die Branche bezeichnet. Wer heute einen Satellitenstart bei kommerziellen Anbietern buchen wolle, werde derzeit auf 2029 vertröstet, so Metzler. Die Spectrum sei ein Fahrzeug mit rund 100.000 Bauteilen - eine einzige fehlerhafte Komponente könne den Orbit-Erfolg verhindern. Das 2018 in Ottobrunn bei München von Metzler, Josef Peter Fleischmann und Markus Brandl gegründete Unternehmen zählt inzwischen rund 400 Beschäftigte.

Bislang hat Isar Aerospace mehr als 400 Millionen Euro von Investoren wie dem NATO Innovation Fund, Airbus und dem SpaceX-Veteranen Bülent Altan eingesammelt, zuletzt 270 Millionen Euro in einer Series-D-Runde im Juni 2026. Metzler kündigt an, künftig teilautomatisiert mit Robotern zehn Raketen gleichzeitig fertigen zu wollen - Ziel seien perspektivisch 40 Starts pro Jahr. Die 28 Meter hohe Spectrum trägt bis zu einer Tonne Nutzlast in den erdnahen Orbit und 700 Kilogramm in eine sonnensynchrone Bahn.