Jason Arday hat als Professor der Universität Cambridge seinen Abschied genommen. Der Soziologe legte am Mittwoch sein Amt sowie seine Fellowship am Jesus College mit sofortiger Wirkung nieder. Cambridge bestätigte den Schritt am Donnerstag in einer knappen Mitteilung und kündigte an, die Umstände seiner Berufung weiter aufzuarbeiten und die Verfahren für Senior-Positionen zu überprüfen.
Arday war 2023 mit 37 Jahren zum jüngsten Schwarzen Professor in der Geschichte Cambridges berufen worden - eine Personalie, die die Universität als Signal ihrer Diversitätsbemühungen präsentierte. Seine Biografie las sich wie eine steile Aufstiegserzählung: bis ins späte Jugendalter autistisch bedingt weder lesen noch schreiben könnend, promovierte er 2015 an der Liverpool John Moores University und arbeitete sich binnen weniger Jahre in die Spitze der britischen Soziologie.
Im Juli veröffentlichte Nathan Cofnas, ein früherer Cambridge-Philosoph, auf Substack Auszüge einer Plagiatsprüfung an Ardays Doktorarbeit und mehreren Journalartikeln. Über hundert Passagen in Ardays Dissertation sollen Formulierungen aus einer sechs Jahre älteren Arbeit an der Brunel University übernommen haben, wie Al Jazeera berichtet. Liverpool John Moores hatte in einer eigenen Prüfung zunächst nur einen „ehrlichen und nachvollziehbaren Fehler“ attestiert - dieses Urteil steht nun infrage.
Zu den Widersprüchen im Lebenslauf, die deutschsprachige und internationale Medien seit Tagen aufarbeiten, gehört eine angeblich innegehaltene Ehrenprofessur an der Universität Durham, die die dortige Soziologie-Fakultät zurückweist. Eine bei Palgrave Macmillan angekündigte Monografie unter dem Titel „Being Young, Black and Male“ ist nach Verlagsangaben nie erschienen; man habe lediglich ein Exposé erhalten. Eine oft zitierte Spendenaktion, bei der Arday 30 Marathons in 35 Tagen gelaufen sein wollte, war laut Al Jazeera in Wirklichkeit ein zwölftägiger Teamlauf. Die NZZ zählt eine Reihe weiterer schwer belegbarer Angaben auf, von behaupteten Gastprofessuren in Schottland, Südafrika und den USA bis zu einer Karriere als semi-professioneller Fußballer.
Arday spricht von einer „rassistischen Kampagne“
Arday selbst wies die Vorwürfe zurück. In einer über die NGO Good Law Project verbreiteten Erklärung sprach er von „unaufhörlichen Anschuldigungen, Spekulationen und öffentlichen Kommentaren“, die für ihn und seine Familie unerträglich geworden seien. Gegenüber der Londoner Times bezeichnete er die Kampagne gegen ihn als „rassistisch motiviert“ und wandte sich gegen die Darstellung als „Lügner, Fantast und akademischer Betrüger“. Seine bei Simon & Schuster für Mitte August angekündigten Memoiren sollen dennoch erscheinen; das Washington Free Beacon berichtete, der Verlag habe kurz vor der Veröffentlichung Passagen aus dem Manuskript gestrichen, die die neuen Vorwürfe zusätzlich befeuert hätten.
Es kommt ein Punkt, an dem die einzige Möglichkeit, dieses Kapitel zu beenden, darin besteht, wegzugehen.
Cambridge räumt die Verteidigungslinie
Cambridge hatte Arday zunächst geschützt und im Juni von einer „widerlichen Kampagne gegen seine Glaubwürdigkeit“ gesprochen. Diese Linie ist gefallen. Die Universität kündigt nun eine eigene Untersuchung an, deren Ergebnisse in eine Reform der Berufungsverfahren einfließen sollen. Parallel überprüft das Research Policy Committee die Richtlinien zur wissenschaftlichen Redlichkeit. Wie Inside Higher Ed berichtet, hat die Metropolitan Police einen Reporter von Times Higher Education davor gewarnt, Arday zu kontaktieren - ein Detail, das die Schärfe der Auseinandersetzung illustriert.
Damit steht mehr auf dem Spiel als eine einzelne Karriere. Für Ardays Verteidiger ist der Fall ein Beleg für die Verwundbarkeit Schwarzer Akademiker in Spitzenpositionen; für seine Kritiker zeigt er, dass Berufungskommissionen politische Signale über Prüfung gestellt hätten. Die Berliner Zeitung und Cicero diskutieren bereits, welche Konsequenzen deutsche Hochschulen aus dem Skandal ziehen müssten - vom systematischen Abgleich von Publikationslisten bis zur Kontrolle behaupteter Zweitaffiliationen.