Jason Arday ist tot. Wie wir am 9. August berichteten, hatte der Soziologe seine Professur in Cambridge nach Plagiats- und Lebenslauf-Vorwürfen niedergelegt. Am Freitag wurde der 41-Jährige in einer Wohnung im Süden Londons leblos aufgefunden. Die Metropolitan Police stufte den Todesfall als „unerwartet, aber nicht verdächtig“ ein und schloss ein Fremdverschulden aus. Über die Todesursache machten die Behörden zunächst keine Angaben.

Ardays Familie machte in einer über den Verlag Simon & Schuster verbreiteten Erklärung eine „anhaltende Hetzkampagne“ für den Tod verantwortlich. „Die Kampagne aus Falschinformationen war zu viel für Jason, der ein sanfter Mensch war und immer das Beste in anderen sehen wollte“, heißt es darin, wie Al Jazeera berichtet. „Wir stehen unter Schock, diesen wunderbaren Vater, Partner, Bruder, Onkel und Sohn verloren zu haben.“ Arday war seit Anfang August nicht mehr im Amt; seine Erklärung zum Rücktritt vom 5. August, verbreitet über das Good Law Project, endete mit dem Satz, es komme „ein Punkt, an dem die einzige Möglichkeit, dieses Kapitel zu beenden, darin besteht, wegzugehen“.

Die Kampagne aus Falschinformationen war zu viel für Jason, der ein sanfter Mensch war und immer das Beste in anderen sehen wollte.
- Erklärung der Familie, via Simon & Schuster / Al Jazeera

Premier spricht von „Tragödie auf so vielen Ebenen“

Die Reaktionen aus der britischen Politik fielen ungewöhnlich scharf aus. Premierminister Andy Burnham nannte den Todesfall bei einem Termin in Cornwall „eine Tragödie auf so vielen Ebenen“ und mahnte einen „Moment der Reflexion darüber, wie es dazu kommen konnte“ an. Bildungsministerin Lucy Powell zeigte sich auf X „zutiefst schockiert und traurig“ und erinnerte daran, es gehe um „echte Menschen mit Angehörigen“. Londons Bürgermeister Sadiq Khan warf der Öffentlichkeit ein „inakzeptables Hounding“ und eine „bösartige öffentliche Bloßstellung“ vor. Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy sagte gegenüber BBC Newsnight, dass „ein Akademiker durch dieses Ausmaß an medialer Prüfung gezerrt wird, ist unerhört“, und sprach von einer „Hexenjagd“.

Cambridge zog nach. Vize-Kanzlerin Deborah Prentice erklärte in einer Mitteilung der Universität, sie sei „zutiefst betrübt“ über den Tod, und sprach der Familie ihr Beileid aus. Bereits am 12. August hatte Prentice angekündigt, die Umstände von Ardays Berufung 2022 durch senior Akademiker „unabhängig von innerhalb und außerhalb Cambridges“ prüfen zu lassen. Zeitgleich kündigten die Universitäten Durham und Glasgow eigene Untersuchungen zu Ardays dortigen Berufungen an, Jesus College nahm den Rücktritt seiner Fellowship an.

Petition fordert öffentliche Untersuchung

Innerhalb von 48 Stunden nach dem Bekanntwerden des Todes unterzeichneten laut NBC News mehr als 31.000 Menschen eine Petition, die eine staatliche Untersuchung der Vorgänge fordert. Das Good Law Project, das Arday zuletzt vertreten hatte, erklärte, sein „tragischer Tod war das direkte, vorhersehbare und vorhergesagte Ergebnis der Belästigung durch die Presse“. Der Deutungskampf um seine Biografie halte auch nach seinem Tod an, schreibt CNN: Ardays Unterstützer sehen in der wochenlangen Kampagne einen Beleg für rassistische Doppelstandards gegen Schwarze Akademiker in Spitzenpositionen; seine Kritiker verweisen weiter auf offene Fragen zu Doktorarbeit, angeblichen Ehrenprofessuren und einer nie erschienenen Monografie. Der Tagesspiegel und die Nachrichten.at heben hervor, dass die Ermittlungen an Cambridge, Durham und Glasgow unabhängig vom Todesfall fortgeführt werden sollen.

Für die britische Debatte um Diversität in akademischen Berufungen ist der Fall damit nicht abgeschlossen, sondern erst richtig eröffnet. Was als Prüfung einer Dissertation begann, ist zur Frage nach den Regeln der öffentlichen Skandalisierung geworden - und danach, wer sie durchsetzt.