Jean Ziegler ist tot. Der Schweizer Soziologe, Politiker und Globalisierungskritiker starb am Mittwoch in Genf im Alter von 92 Jahren, wie seine Frau der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bestätigte. SRF und Tages-Anzeiger berichteten am Mittwochabend, das österreichische Salzburg24 zog am Donnerstag nach. Mit Ziegler verliert die internationale Linke eine ihrer bekanntesten Stimmen - und die Schweiz einen ihrer streitbarsten Kritiker.

27 Jahre lang saß Ziegler für die SP im Schweizer Nationalrat, in den Legislaturperioden von 1967 bis 1983 und erneut von 1987 bis 1999. Parallel baute er seine Karriere als Soziologieprofessor an der Universität Genf auf, lehrte als Gastdozent an der Sorbonne, in Grenoble und Bern. Von 2000 bis 2008 amtierte er als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung; bis zu seinem Tod gehörte er dem Beratungsausschuss des UNO-Menschenrechtsrats an. Es war jene UNO-Rolle, die ihm international den Status verschaffte, den ihm die Schweizer Innenpolitik nie zugestanden hatte.

Geboren wurde er 1934 in Thun als Hans Ziegler, in eine bürgerlich-protestantische Familie mit militärischer Tradition, wie das SRF in seinem Nachruf festhielt. In Paris freundete er sich als Student mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir an, legte den deutschen Vornamen ab, nahm den französischen „Jean“ an und konvertierte zum Katholizismus. Aus dem Berner Bürgersohn wurde der Mann, der das Selbstbild der Eidgenossen ein Leben lang bekämpfen sollte.

Wenn man das Glück hat, Schweizer zu sein, weiss zu sein, Intelligenz und Ausbildung zu haben, dann muss man doch kämpfen, dass die kannibalische Weltordnung zerstört wird und dass jedermann wenigstens materiell auf dieser Welt leben kann.
- Jean Ziegler, SRF-Nachruf

Bücher, die Klagen brachten

Schon mit „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“ hatte Ziegler 1976 die Eliten seines Landes attackiert. Wirklich teuer wurde aber „Die Schweiz wäscht weisser“ von 1990: Das Buch über den Schweizer Finanzplatz kostete Ziegler die parlamentarische Immunität und brachte ihm Verleumdungsklagen ein, die ihn nach Aufstellung von Watson sechsstellige Frankenbeträge kosteten. „Die Schweiz, das Gold und die Toten“ folgte 1997 - mitten in der internationalen Auseinandersetzung um nachrichtenlose Vermögen, in der Schweizer Banken zur Aufarbeitung von Nazi-Konten gezwungen wurden.

Sein Vokabular blieb das des Klassenkampfs - vom „kannibalischen Kapitalismus“ bis zur Beschreibung von IWF, Weltbank und WTO als „drei Reiter der Apokalypse“. 2011 sollte Ziegler die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele halten, wurde nach Protesten gegen seine Israel- und Kapitalismus-Positionen wieder ausgeladen. Aktivistinnen verteilten die unverlesene Rede zum Festspielauftakt im Publikum, wie Salzburg24 in seinem Nachruf erinnerte.

Reaktionen kamen am Mittwoch und Donnerstag aus mehreren Lagern. UN-Hochkommissar Volker Türk erklärte gegenüber Watson, er sei „bestürzt über diese traurige Nachricht“, und würdigte einen „Kämpfer vor allem für schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen“ und „Verfechter des Ökosystems der Menschenrechte“. Die SP Schweiz bezeichnete ihren früheren Nationalrat als „prägende Persönlichkeit, die unermüdlich für soziale Gerechtigkeit, internationale Solidarität und die Gleichheit der Völker gekämpft hat“. Selbst der frühere SVP-Nationalrat Charles Poncet, mit Ziegler über Jahrzehnte politisch verfeindet, sprach von einem „Intellektuellen, der an den Traum der Linken glaubte“ - eine Verbeugung über die Lager hinweg, die zu Lebzeiten kaum vorstellbar gewesen wäre.