Es war ein Heimspiel im doppelten Sinn: Johannes Pietsch, als Künstler JJ bekannt, eröffnete am Samstagabend in der Wiener Stadthalle das Finale des Eurovision Song Contest 2026 - jenen Wettbewerb, den er mit seinem Sieg 2025 in Basel überhaupt erst nach Österreich geholt hatte. Der 70. ESC geriet zur politischsten Ausgabe der Wettbewerbsgeschichte, und der 24-jährige Countertenor stand mittendrin: Nach seinem Triumph hatte er öffentlich einen Eurovision „ohne Israel“ gefordert.
Auf der Bühne präsentierte sich Pietsch zunächst unpolitisch. Ganz in Gold gewandet eröffnete er den Abend als Countertenor mit einem barock schillernden Pop-Spektakel, in das er seinen Siegertitel „Wasted Love“ sowie Mozart-Anklänge einbaute, begleitet von Orchester, einer Fahnenparade der teilnehmenden Nationen und einer Choreografie in Rot-Weiß. Das Online-Magazin 1000things nannte den Auftritt ein „durchweg gelungenes, barock schillerndes Pop-Spektakel“.
Pietsch hatte den ESC 2025 in Basel mit „Wasted Love“ gewonnen, nach ORF-Angaben mit 436 Punkten - der dritte österreichische Sieg der Geschichte und der Grund, warum die 70. Ausgabe in Wien stattfand. Schon kurz nach dem Triumph verlagerte sich die Aufmerksamkeit vom Lied auf eine politische Aussage.
Der Satz, der die Ausgabe prägte
Gegenüber der spanischen Zeitung El País sagte Pietsch im Mai 2025: „Es ist sehr enttäuschend, dass Israel noch am Wettbewerb teilnimmt.“ Und weiter: „Ich würde mir wünschen, dass der Eurovision Song Contest nächstes Jahr in Wien stattfindet, ohne Israel.“ Zugleich schränkte er ein: „Aber der Ball liegt nun bei der EBU. Wir Künstler können uns nur dazu äußern.“
Ich würde mir wünschen, dass der Eurovision Song Contest nächstes Jahr in Wien stattfindet, ohne Israel.
Der ORF wertete die Äußerung als Privatmeinung; Pietsch selbst bedauerte später laut derStandard ein mögliches Missverständnis. Die Debatte aber hielt an. Rund 70 frühere ESC-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer unterzeichneten einen offenen Brief gegen Israels Teilnahme, wie die taz berichtete. Im Vorfeld des Finals sagten Spanien, Island, Irland, die Niederlande und Slowenien ihre Teilnahme ab - die meisten Boykotte seit 1970. Der spanische Sender RTVE übertrug die Show nicht. Im Finale lag Israels Beitrag von Noam Bettan zeitweise vorn und wurde am Ende Zweiter mit 343 Punkten, hinter der Siegerin DARA aus Bulgarien.
Abseits der politischen Linie zeigte sich Pietsch während der ESC-Woche als wohlwollender Gastgeber. Im zweiten Halbfinale am 14. Mai trat er erneut mit „Wasted Love“ auf und stellte einen neuen Song vor. Über die deutsche Teilnehmerin Sarah Engels sagte er der Agentur spot on news: „Sarah Engels kenne ich natürlich noch von DSDS, sie hat eine krasse Stimme und Range.“ Ihr Lied „Fire“ gefalle ihm „echt gut, es ist tanzbar“, er drücke ihr „ganz fest die Daumen für 12 Points“.
Wie es für Pietsch weitergeht, ist bereits terminiert: Am 14. Mai kündigte sein Management seine erste Europatournee an. Im September spielt er nach Angaben von Eurovoix neun Konzerte, darunter in München, Wien, Hamburg, Berlin, Köln, Amsterdam und Zürich. Der Vorverkauf startet am 22. Mai.