Am 23. September 1926 wurde John Coltrane in Hamlet, North Carolina, geboren. Zum 100. Geburtstag des Saxofonisten spielt am Mittwochabend in der Hamburger JazzHall das Landesjugendjazzorchester unter Leitung des brasilianischen Gastdirigenten Emiliano Sampaio ein Programm mit dem Titel „New York-Rio-Hamburg“ und der Uraufführung eines Stücks, das schlicht „Coltranes FINAL“ heißt.

Die Hamburger Hommage ist einer von zahlreichen deutschen Beiträgen zu einer Feier, die das Coltrane-Estate unter dem Titel „Coltrane 100“ für das gesamte Jahr angesetzt hat. In Berlin richtet die Galiläakirche in Friedrichshain vom 22. bis 26. September ein Festival aus, das ausgehend von Coltranes spiritueller Spätphase auch die Musik von Sun Ra und Ornette Coleman umkreist. Am selben Abend spielt die Hollywood Bowl in Los Angeles ein sinfonisches „Coltrane 100: Legacy“ unter Beteiligung von Wynton Marsalis und dem Jazz at Lincoln Center Orchestra.

Die WDR Big Band tritt gleich zweimal an: am 26. September in der Essener Philharmonie und am 27. September in der Kölner Philharmonie, jeweils unter der Leitung des amerikanischen Bandleaders und Saxofonisten Bob Mintzer, mit dem Tenorsaxofonisten Chris Potter als Gast. Mintzer hat die Coltrane-Kompositionen für die Reihe „Coltrane 100“ neu arrangiert. In einer Ankündigung des Theater und Philharmonie Essen sagt er, Coltranes Musik komme von Herzen, sei substanziell und bleibe einfach relevant.

Ich kann nichts tun, wenn es nicht ins Extreme geht.
- John Coltrane

Archivfunde und neue Bücher

Zum Jubiläum erscheinen mehrere zuvor unveröffentlichte Aufnahmen. Das Label Impulse! bringt am 6. November die „Tiberi Tapes“ heraus, private Mitschnitte, die der Musiker Frank Tiberi zwischen 1961 und 1965 in Clubs in New York und Philadelphia anfertigte. Am 2. Oktober folgt ein sechsteiliges Vinyl-Boxset „Coltrane 100 - Selections from 1951-1967“, das erstmals labelübergreifend Coltranes gesamte Karriere versammelt. Auch die gemeinsamen Sessions mit Miles Davis, „The Complete Columbia Recordings 1955-1961“, erscheinen am 6. November neu.

Auf Deutsch legt der Musikpublizist Peter Kemper bei Reclam eine neue Biografie vor. „John Coltrane. Biographie einer Jazz-Ikone“ lotet vor allem das Verhältnis zwischen Coltranes Musik und seiner religiösen Suche aus. Coltrane hatte sich Anfang der 1960er Jahre einer intensiven spirituellen Praxis zugewandt, aus der 1965 sein bekanntestes Album „A Love Supreme“ hervorging.

Ein Erbe, das weiter klingt

Coltrane starb 1967 mit 40 Jahren an Leberkrebs, seine aktive Karriere dauerte kaum mehr als zwei Jahrzehnte. In dieser Zeit trieb er das Tenor- und später auch das Sopransaxofon in eine harmonische Dichte und emotionale Direktheit, an der sich seither Generationen von Jazzmusikern abarbeiten. Der von ihm entwickelte Ansatz, die schnellen Akkordwechsel der „Giant Steps“-Ära und das freie Suchen der späten Alben, prägt bis heute den Jazzunterricht an Musikhochschulen und die Praxis vieler Popmusiker.

Dass der 100. Geburtstag mit einer solchen Dichte an Konzerten, Boxsets und Neuveröffentlichungen begangen wird, sagt weniger über gepflegte Tradition als über die noch immer offene Nachfrage nach seiner Musik.