Genau hundert Jahre nach seinem Tod steht der Wiener Zoologe Paul Kammerer wieder im Blickfeld der internationalen Wissenschaftspresse. Am 23. September 1926 erschoss er sich auf einem Wanderweg am Hochschneeberg, südwestlich von Wien. Zum Jubiläum hat das Fachjournal Nature einen Beitrag veröffentlicht, der Kammerers Fall - lange als geschlossenes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte gebucht - unter neuen Gesichtspunkten aufrollt. Auch Wikipedia-Suchen zu seinem Namen steigen dieser Tage in Deutschland und Österreich sprunghaft an.

Der Auslöser des Skandals war ein einziges Präparat. Kammerer hatte in mehreren Publikationen behauptet, dass Geburtshelferkröten unter geänderten Umweltbedingungen dunkle Brunftschwielen an den Vorderbeinen ausbildeten - und diese Eigenschaft an ihre Nachkommen weitergäben. Als der US-amerikanische Herpetologe Gladwyn Kingsley Noble vom American Museum of Natural History 1926 nach Wien reiste, um das Präparat zu untersuchen, stellte er fest, dass die Färbung mit Tinte ergänzt worden war. Nature veröffentlichte Nobles Befund im August 1926. Wenige Wochen später war Kammerer tot.

Was das Nature-Stück verschiebt

Der aktuelle Nature-Beitrag zum Jahrestag wirft die Frage auf, ob Kammerer wirklich selbst der Fälscher war - oder ob er das Opfer einer Intrige wurde. Der Wiener Wissenschaftshistoriker Klaus Taschwer, der mit „Der Fall Paul Kammerer“ die verbreitetste deutschsprachige Kammerer-Biografie geschrieben hat, verweist gegenüber science.ORF.at auf zahlreiche Abschiedsbriefe, in denen Kammerer jede Schuld bestreitet, sowie darauf, dass die Kröte zuvor jahrelang auf Vortragsreisen zu sehen und geprüft worden war. Als möglichen Fälscher benennt Taschwer den Paläontologen Othenio Abel, der Kammerers Karriere aus antisemitischen Motiven blockiert habe.

Nature argumentiert außerdem, dass Teile von Kammerers Fragestellungen aus heutiger Sicht neu bewertet werden müssten. Der moderne Zweig der Epigenetik - also die Erforschung erblicher Genregulation ohne DNA-Änderung - berührt Effekte, die Kammerer als Lamarckist zumindest suchte. Bereits 2009 hatte die Wiener Ausstellung „Nahm Paul Kammerer die Epigenetik vorweg?“ den Bogen in dieselbe Richtung gespannt.

Vom Prater ins Rampenlicht - und in die Geschichte

Kammerer, 1880 in Wien geboren, forschte am Biologischen Versuchsanstalt („Vivarium“) im Wiener Prater - einer der weltweit ersten experimentellen Biologie-Einrichtungen, die überproportional viele jüdische Forscherinnen und Forscher beschäftigte. Seine internationalen Vortragsreisen machten ihn in den 1920er Jahren zu einem der bekanntesten Naturwissenschaftler des deutschsprachigen Raums; kurz vor seinem Tod hatte er eine Berufung an die Moskauer Kommunistische Akademie angenommen. Das Vivarium wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach nicht wiederaufgebaut. Der aktuelle Nature-Text verortet Kammerers Tragödie zwischen wissenschaftlicher Kontroverse, politischem Umbruch und einer Wissenschaftskultur, die Fälschungsvorwürfe damals wie heute nur schwer korrigieren kann.