Ein Videoausschnitt aus dem Bendlerblock beschäftigt weiter die politische Öffentlichkeit: Beim feierlichen Bundeswehr-Gelöbnis am 20. Juli hat der Schriftsteller Navid Kermani rund 276 Rekrutinnen und Rekruten dazu aufgerufen, unrechtmäßige Befehle zu verweigern. Fast zwei Wochen später kursieren Ausschnitte seiner Rede weiter auf Social Media, Verteidigungsminister Boris Pistorius soll sichtbar irritiert reagiert haben, und Politiker aller Lager melden sich zu Wort.
Kermanis Kernsatz zielt direkt auf die Bundesregierung. „Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern“, sagte er im Bendlerblock, wie unter anderem die Nachdenkseiten die Passage aus der Phoenix-Übertragung dokumentieren. Der Auftritt fiel ausgerechnet auf den 82. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler - jenen Tag, an dem die Bundeswehr traditionell an die Grenzen soldatischen Gehorsams erinnert.
Der Autor und Orientalist ging in seiner Ansprache auch direkt Bundeskanzler Friedrich Merz an. „Kein Geringerer als der Bundeskanzler hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das Völkerrecht klein- und Völkerrechtsverstöße schönzureden“, so Kermani. „Das Grundgesetz steht über jedem Befehl“, mahnte er die Rekruten, wie die Ostdeutsche Zeitung berichtet, und fügte hinzu: „Nur wenn Sie die Würde auch Ihres Feindes achten, werden Sie dem Gelöbnis gerecht, das Sie heute ablegen.“
Sie können in bestimmten Situationen Nein sagen und Nein sagen müssen, selbst wenn es Sie die Gemeinschaft, die materielle Existenz oder sogar das Leben kostet.
Erstes Gelöbnis nach der Wehrdienst-Reform
Das Ereignis war politisch aufgeladen: Nach Angaben von Euronews traten in Berlin erstmals auch frühe Freiwillige der neuen, teilreaktivierten Wehrdienst-Regelung an. Von rund 300.000 verschickten Fragebögen an junge Bundesbürger hatten sich bis zum Zeremonientag lediglich 530 tatsächlich zum Dienst verpflichtet. Die Bundesregierung strebt bis Mitte des kommenden Jahrzehnts eine Truppenstärke von 460.000 Aktiven und Reservisten an. Pistorius verwies in seiner Ansprache auf die soziale Bindungskraft des Dienstes und mahnte, Frieden bleibe ein zerbrechliches Gut, das ständiger Wachsamkeit gegen aktuelle Bedrohungen bedürfe.
Zwischen Anerkennung und Empörung
Die Reaktionen laufen quer durch das politische Spektrum. Der Militärexperte Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München würdigte Kermanis Auftritt öffentlich als „sehr eindrucksvolle Rede“. Andere Kommentatoren werten die Passage als Politisierung des Gelöbnisses, während Kermanis Verteidiger sie als öffentliche Erinnerung an den Vorrang des Völkerrechts einordnen. Weil einzelne Nutzer die Echtheit des viralen Videoausschnitts anzweifelten, ordnete das Fact-Checking-Portal Mimikama die Passage noch einmal explizit als authentisch ein: Die Formulierung stamme wörtlich aus der Phoenix-Übertragung, lediglich für die Lesbarkeit im Netz leicht geglättet.
Die Rekruten selbst hatten kurz zuvor das klassische Bundeswehr-Gelöbnis geleistet: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. So wahr mir Gott helfe.“ Genau daran setzt Kermanis Argumentation an. Ein Eid auf einen freien Staat sei kein Blankoscheck an eine jeweilige Regierung, sondern binde jeden Soldaten an das Grundgesetz - und damit an die Pflicht, verbrecherische Befehle zu verweigern.