Bei einem russischen Großangriff auf Kiew ist in der Nacht zum Sonntag das Studio der ARD in der ukrainischen Hauptstadt in weiten Teilen zerstört worden. Wie der Tagesspiegel und WEB.de übereinstimmend berichten, stürzten Wände ein, Fensterrahmen wurden aus den Mauern gerissen und ein Großteil der Technik wurde durch die Druckwellen der Einschläge unbrauchbar. Mitarbeiter waren zum Zeitpunkt des Angriffs nicht im Haus, verletzt wurde niemand. Auch das nahegelegene Büro der Deutschen Welle erlitt Schäden an Fenstern und Decken. Russland feuerte nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 600 Drohnen und 90 Raketen auf das Land, eine der schwersten Angriffswellen seit Monaten.

ARD-Studioleiter Vassili Golod sprach von einem Schock, den eigenen Arbeitsplatz „völlig verwüstet“ zu sehen. „Rausgerissene Fensterrahmen, überall Splitter, zerstörte Technik“, schilderte er die Lage vor Ort, wie das Portal digitalfernsehen.de dokumentiert. WDR-Intendantin Katrin Vernau zeigte sich erleichtert, dass kein Teammitglied im Studio gewesen sei: „Ich habe großen Respekt vor dem Mut und der Leistung unseres Teams.“ Die ARD will ihre Berichterstattung aus Kiew mit mobiler Technik und von Ausweichstandorten fortsetzen. Der Deutsche Journalisten-Verband wertete den Einschlag als „Angriff auf die Rundfunkfreiheit und die kritische und unabhängige Berichterstattung“.

Den eigenen Arbeitsplatz völlig verwüstet zu sehen, ist ein Schock.
- Vassili Golod, Leiter ARD-Studio Kiew

Erstmals seit Monaten wieder Oreschnik

Erstmals seit Längerem setzte Russland nach ukrainischen Angaben seine Mittelstreckenrakete vom Typ Oreschnik ein. Der Flugkörper traf nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj die Stadt Bila Zerkwa südlich von Kiew. Insgesamt fingen ukrainische Luftverteidiger nach Behördenangaben 549 Drohnen und 55 Raketen ab, wie Euronews und Berliner Zeitung berichten. Bürgermeister Vitali Klitschko meldete für Kiew zwei Tote, bis zum Sonntagabend stieg die Zahl der Verletzten in der Hauptstadt nach Angaben des Tagesspiegels auf fast 90. In jedem Stadtbezirk seien Schäden gemeldet worden. Außenminister Andrij Sybiha sprach gegenüber t-online von einer „barbarischen Raketenattacke“ und forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats.

Merz: „rücksichtslose Eskalation“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verurteilte den Einsatz der Oreschnik scharf. Auf der Plattform X bezeichnete er die Angriffe als „rücksichtslose Eskalation“ und versicherte: „Deutschland steht weiter fest an der Seite der Ukraine“, wie t-online dokumentiert. Aus Brüssel und Paris kamen ähnliche Reaktionen: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach laut Euronews von der Brutalität des Kremls und kündigte fortgesetzte Unterstützung der ukrainischen Luftverteidigung an. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte vor einer gefährlichen Eskalation, EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas nannte den Raketeneinsatz unverantwortliches nukleares Säbelrasseln.

Die Angriffswelle vom Wochenende reiht sich in eine Serie russischer Großschläge ein, die seit Ablauf einer dreitägigen Waffenruhe Anfang Mai die Ukraine in fast wöchentlichem Rhythmus treffen. In der Nacht zum 14. Mai hatte Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 675 Drohnen und 56 Raketen abgefeuert, 21 Menschen starben damals allein in Kiew. Die laufenden Verhandlungssignale aus Washington haben die Eskalation bislang nicht gebremst. Aus dem Kreml kam unmittelbar nach dem Wochenendangriff keine Bestätigung des Oreschnik-Einsatzes; das russische Verteidigungsministerium teilte lediglich mit, man habe militärische Ziele getroffen.