Die Bilanz des russischen Großangriffs auf Kiew ist auf mindestens 21 Tote gestiegen, darunter drei Kinder. Im Stadtteil Darnyzkyj suchten Rettungskräfte am Freitag noch immer nach 17 Vermissten, die unter den Trümmern eines eingestürzten neunstöckigen Wohnblocks vermutet werden. Allein in der Hauptstadt zählten die Behörden mehr als 50 Verletzte, wie Bürgermeister Vitali Klitschko mitteilte.

Wie wir am Donnerstag berichteten, hatte Russland in der Nacht zum 14. Mai 675 Drohnen und 56 Raketen auf die Ukraine abgefeuert; ukrainische Streitkräfte fingen davon 652 Drohnen und 41 Raketen ab. Die ersten Lagemeldungen sprachen noch von einem Toten und 16 Verletzten in Kiew. Mit dem Fortgang der Bergung stieg die Opferzahl deutlich. Innenminister Ihor Klymenko zählte nach Angaben des Schweizer Radios und Fernsehens 27 Brandherde in der Stadt, an rund 20 Standorten registrierten die Behörden direkte Einschläge.

Bergung in Darnyzkyj zieht sich

Im Darnyzkyj-Bezirk traf der Einschlag einen Treppenhaus-Strang eines mehrstöckigen Wohnhauses, der vollständig einstürzte. Zehn Verschüttete konnten in den Stunden nach dem Angriff lebend geborgen werden. Aus den Trümmerteilen identifizierten Ermittler nach Angaben des Tagesspiegels eine Kh-101-Marschflugkörperart, deren Kennzeichnung auf eine Herstellung im zweiten Quartal 2026 hindeutet - ein Indiz dafür, dass Russland trotz westlicher Sanktionen weiterhin Hightech-Komponenten beschaffen kann.

Merz nennt Eskalation eindeutig

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezog sich am Donnerstag in Aachen beim Festakt zum Karlspreis auf die russische Offensive. „Die schwersten russischen Angriffe auf die Ukraine seit langer Zeit zeigen: Moskau setzt auf Eskalation statt Verhandlung“, sagte Merz laut Tagesspiegel. In derselben Rede wies er Wladimir Putins jüngsten Vorschlag zurück, Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler ins Gespräch zu bringen: „Wir Europäer entscheiden selbst, wer für uns spricht. Niemand anders.“

Wir Europäer entscheiden selbst, wer für uns spricht. Niemand anders.
- Friedrich Merz, Bundeskanzler, beim Karlspreis-Festakt in Aachen

Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Welle bereits am Donnerstag als „Terror“ bezeichnet und auf das ungewöhnliche Vorgehen verwiesen, dass Russland auch tagsüber Drohnen einsetzt. Bis Freitagmorgen meldete der ukrainische Präsident nach Angaben des ZDF mehr als 1.560 eingesetzte Drohnen seit Mittwochmitternacht und Schäden an 180 zivilen Objekten landesweit, darunter rund 50 Wohngebäude. Auch die Nachbarländer reagierten: Ungarn zitierte den russischen Botschafter ein, weil mehrere Schläge nahe von ungarischen Minderheiten bewohnten Gebieten niedergingen; die Slowakei schloss zeitweise Grenzübergänge bei Uschhorod aus Sicherheitsgründen.

Verhandlungen sind derweil nicht in Sicht. Aus dem Kreml kamen keine Konzessionen: Sprecher Dmitri Peskow wiederholte seine Vorbedingung, wonach die Ukraine ihre Truppen aus Donezk und Luhansk abziehen müsse, ehe über eine Waffenruhe gesprochen werden könne.