Russland hat in der Nacht zum Dienstag die Luftangriffe auf Kyjiw wieder aufgenommen und damit die brüchige Feuerpause beendet, die während des Besuchs von US-Sondergesandten Steve Witkoff und Präsidentenschwiegersohn Jared Kushner am Wochenende gegolten hatte. Nach Angaben ukrainischer Behörden töteten die Raketen- und Drohnenschläge mindestens zwei Menschen und verletzten sieben weitere. Getroffen wurden mehrere Wohnhäuser, Lagerhallen, eine Schule und mehrere Autos, wie österreichische und deutsche Agenturen aus der Hauptstadt berichten.

Witkoff und Kushner hatten am Freitag zunächst in Moskau mit Kremlchef Wladimir Putin gesprochen und waren am Samstagabend erstmals per Zug aus Polen nach Kyjiw gereist - der reguläre Flughafenbetrieb ist wegen der russischen Angriffe unterbrochen. Sonntag folgten Gespräche mit Präsident Wolodymyr Selenskyj an der Sofien-Kathedrale sowie eine gemeinsame Sitzung mit europäischen Vertretern aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Für die Dauer der Reise hatten beide Kriegsparteien vereinbart, für drei Tage auf Angriffe gegen die jeweiligen Hauptstädte zu verzichten.

Selenskyj sprach nach dem Kyjiw-Treffen von einer „sehr wichtigen“ Delegation, „auf die wir lange gewartet haben. Steve und Jared“, zitieren ihn CNN und Al Jazeera. Kushner formulierte als Ziel der Trump-Administration einen „langfristigen, tragfähigen Frieden“, der über eine bloße Waffenruhe hinausgehen müsse. Witkoff sprach im Anschluss von einer „sehr bedeutsamen, substanziellen, wichtigen“ Aussprache. Ein Durchbruch blieb aus. Selenskyj räumte gegenüber Reportern ein, er rechne damit, dass sich der Krieg in den Winter hinein fortsetzen werde.

Wir rechnen damit, dass der Krieg weitergeht - und wir setzen stark auf das Winterhilfspaket.
- Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

Kreml spricht von „nützlichen“ Gesprächen

Aus Moskau kam eine vorsichtig positive Bewertung: Kremlberater Juri Uschakow bezeichnete die Runde mit Witkoff und Kushner am Freitag laut Kyiv Independent als „äußerst nützlich“ und „extrem offen“. Das US-Team habe „eine Reihe von Ideen“ für einen möglichen politischen Ausweg vorgetragen. Konkrete Ergebnisse teilte der Kreml nicht mit. Selenskyj machte in Kyjiw deutlich, dass territoriale Fragen aus seiner Sicht nur in einem direkten Treffen der beiden Staatschefs geklärt werden könnten - eine Bedingung, die Putin bislang zurückweist.

Die Angriffe vom Montagabend zeigen, wie schmal der diplomatische Spielraum bleibt. Bereits am Wochenende gab es außerhalb der Hauptstädte weiter Kämpfe: In Chuhujiw in der Region Charkiw starb nach einem russischen Drohnenschlag am Samstagabend eine dreiköpfige Familie, an der Grenze zu Rumänien und in Saporischschja meldeten die Behörden ebenfalls Angriffe. Umgekehrt griff die Ukraine nach russischen Angaben die südrussische Region Saratow rund 500 Kilometer hinter der Front an; auch dort seien Zivilisten verletzt worden. Beide Seiten hielten sich also nur an die Absprache, die Kapitalen nicht zu treffen.

In Washington sind für die kommenden Tage weitere Verhandlungsrunden angekündigt. Witkoff und Kushner wollen den Rahmen für ein trilaterales Treffen zwischen den USA, Russland und der Ukraine ausloten, doch weder Ort noch Zeitpunkt stehen fest. Selenskyj kündigte an, sich in Kürze mit europäischen und amerikanischen Partnern erneut zusammenzusetzen. Die russischen Angriffe in der Nacht zum Dienstag machen deutlich, dass die parallele Militäroperation für Moskau vorerst kein Verhandlungshindernis ist - im Gegenteil: Zwei Tage nach dem symbolisch aufgeladenen Empfang der US-Gesandten liegen wieder Trümmer in einem Kyjiwer Wohnviertel.