Die Bilanz des Erdbebens vom Montag in Kolumbien ist in der Nacht auf Dienstag deutlich nach oben korrigiert worden. Präsident Abelardo de la Espriella nannte bei einem Krisentreffen in Bogotá 111 Tote und 87 Verletzte. Wie die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf die Regierung meldete, rief der Staatschef den landesweiten Notstand aus, wenige Tage nach seinem Amtsantritt.

Am Nachmittag hatten die Behörden noch von rund 47 Toten allein in der Stadt Pereira gesprochen. Die aktualisierten Zahlen verteilen sich nach Angaben der Präsidentschaft auf mehrere Bundesstaaten: In der besonders stark getroffenen Region Risaralda um Pereira registrierten die Rettungskräfte inzwischen 40 Todesopfer, im westlich gelegenen Departamento Valle del Cauca kamen 27 Menschen ums Leben, im Küstendepartamento Chocó vier. In Manizales meldeten die Behörden drei Tote und mehrere Hundert Verletzte.

An erster Stelle steht die Rettung der Menschen, die unter den Trümmern begraben sind.
- Abelardo de la Espriella, Präsident Kolumbiens

De la Espriella richtete in San José del Palmar nahe dem Epizentrum einen gemeinsamen Krisenstab ein und kündigte an, persönlich nach Pereira zu reisen. „Ihr seid nicht allein. Ihr habt einen Präsidenten, der sich zutiefst um sein Volk sorgt“, zitierte das US-Magazin Time den Staatschef aus einer Ansprache an die Bevölkerung. Die nationale Katastrophenschutzbehörde UNGRD wurde beauftragt, bis zur formellen Ausrufung des Katastrophenfalls eine erste Schadensbilanz vorzulegen.

Kliniken evakuiert, sechs Flughäfen geschlossen

Nach Angaben der Regierung sind mehr als 1.500 Wohnhäuser schwer beschädigt, rund 60 Gebäude komplett eingestürzt. Betroffen sind auch 18 Krankenhäuser und 52 Schulen. In Cali evakuierten die Behörden nach Informationen des Portals amerika21 mindestens fünf große Kliniken. Sechs Flughäfen - darunter die Airports von Pereira, Manizales, Quibdó, Armenia, Cartago und Buenaventura - stellten den Betrieb ein, bis Statiker die Gebäude freigeben.

Das Beben hatte am Montag um 7.34 Uhr Ortszeit rund 103 Kilometer tief unter San José del Palmar im Departamento Chocó eingesetzt. Nach Einschätzung des Servicio Geológico Colombiano handelt es sich um das stärkste Erdbeben in Kolumbien seit den 1970er-Jahren. Die Erschütterungen waren bis nach Venezuela, Panama und Ecuador zu spüren. Zwei Nachbeben der Stärken 2,8 und 4,8 folgten in den Stunden danach, ein weiteres der Stärke 4,6 registrierten die Seismologen in Nóvita.

Erste Bewährungsprobe für den neuen Präsidenten

Für den erst wenige Tage zuvor vereidigten Rechtspopulisten de la Espriella ist die Katastrophe die erste große Bewährungsprobe. Die Regierung sagte den betroffenen Regionen Soforthilfen zu, aus Bogotá und Medellín rückten Rettungsteams in die schwer erreichbaren Berg- und Küstengebiete des Chocó aus. Das International Rescue Committee warnte, viele der betroffenen Gemeinden lebten ohnehin unter Bedingungen bewaffneter Konflikte und großer Armut - die Schäden an Kliniken und Schulen träfen sie besonders hart.