Die Zahl der Todesopfer des schweren Erdbebens in Kolumbien ist auf 265 gestiegen. Nach Angaben der Behörden, die von der Deutschen Presse-Agentur und dem Tagesspiegel am Donnerstagmorgen berichtet wurden, werden zudem 496 Menschen offiziell vermisst; eine von Angehörigen betriebene zivile Datenbank kommt auf rund 4.100 gesuchte Personen. Rund 3.500 Menschen sind verletzt, mehr als 53.000 gelten als von der Katastrophe betroffen.

Wie wir am 10. und 11. August berichteten, hatte das Beben der Stärke 7,4 am Montag um 7:34 Uhr Ortszeit die Andenregion getroffen. Das Epizentrum lag in rund 103 Kilometern Tiefe nahe der Kleinstadt San José del Palmar im westlichen Department Chocó. Besonders schwer beschädigt sind laut Innenministerium 140 vollständig eingestürzte und zehntausende weiter beschädigte Gebäude in Cali, Pereira, Manizales und Quibdó.

Für die Retter läuft die entscheidende Frist ab. Das 72-Stunden-Fenster, in dem unter Trümmern eingeschlossene Menschen statistisch die höchsten Überlebenschancen haben, schließt sich am Donnerstag. Der Bürgermeister von Cali, Alejandro Eder, sagte gegenüber ZDFheute, seine Einsatzkräfte fänden weiterhin Hinweise auf Verschüttete, die noch am Leben seien.

Die nächsten 20 Stunden sind entscheidend, um Menschen lebend zu finden und zu retten. Jede Minute ist wichtig.
- Alejandro Eder, Bürgermeister von Cali, ZDFheute

Präsident Abelardo de la Espriella, erst drei Tage vor dem Beben vereidigt, rief den wirtschaftlichen Ausnahmezustand aus, um Mittel für den Wiederaufbau schneller freizugeben. Er tauschte zugleich die Spitze der Katastrophenschutzbehörde UNGRD aus und setzte David Tamayo als neuen Chef ein. Öffentlich sagte der Staatschef, wie mehrere kolumbianische Medien zitieren: „Das ist zweifellos eine Tragödie großen Ausmaßes.“

Streit um ausländische Rettungsteams

Umstritten ist der Umgang der jungen Regierung mit internationaler Hilfe. Wie t-online am Mittwochabend berichtete, hatten zwölf Länder erdbebenerfahrene Spezialteams angeboten; Bogotá stellte für Mexiko und El Salvador zunächst keine formellen Anforderungsschreiben aus. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum bestätigte auf X, ein „spezialisiertes Rettungsteam“ stehe bereit, warte aber auf eine offizielle Anfrage. Der salvadorianische Präsident Nayib Bukele erklärte, Kolumbien habe „ausschließlich humanitäre Hilfe“ erbeten.

Vizepräsident José Manuel Restrepo verteidigte das Vorgehen mit den Verfahrensregeln des Katastrophenschutzes: Erst müssten die nationalen Kapazitäten ausgeschöpft sein, bevor ausländisches Personal zum Einsatz komme. Eder sprach in Cali von einer „technischen Frage“. Am Donnerstag verkündete Tamayo dann, Rettungskräfte aus den USA, Israel, Ecuador und El Salvador würden die Bergungsarbeiten unterstützen. Die US-Regierung hat nach Angaben von Außenminister Marco Rubio 15,5 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt und ein Katastrophenschutzteam aktiviert, wie Rubio auf X mitteilte.

Zugang zum Epizentrum blockiert

Das eigentliche Epizentrum in San José del Palmar ist nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde weiterhin nur eingeschränkt erreichbar. 24 Erdrutsche haben die Zufahrtsstraßen in den bergigen Chocó blockiert. Der Ort mit rund 4.800 Einwohnern liegt etwa 400 Kilometer westlich der Hauptstadt Bogotá. Der Katastrophenforscher Juan Carlos Orrego kritisierte im kolumbianischen Fernsehen die Vorbereitung der neuen Regierung auf ein Ereignis dieser Größenordnung.

Es ist das schwerste Erdbeben in Kolumbien seit dem Jahr 1979. Die Nachbeben halten laut kolumbianischem Geologischen Dienst an. Die Behörden haben in Cali, Armenia und Manizales Ausgangssperren verhängt und Polizei sowie Militär gegen Plünderungen in die Innenstädte verlegt.