Die Bundesregierung rechnet im laufenden Quartal mit einer spürbaren Abkühlung der deutschen Wirtschaft. Im Monatsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums, der am Freitag in Berlin veröffentlicht wurde, senkt das Haus von Ministerin Katherina Reiche (CDU) die Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent. Für 2027 erwartet die Regierung nun 0,9 statt 1,3 Prozent. Im ersten Quartal war die Wirtschaft noch um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen - stärker als von vielen Volkswirten erwartet.

„Aktuelle Indikatoren deuten auf einen deutlichen Dämpfer im zweiten Quartal hin“, heißt es im Mai-Bericht des Ministeriums wörtlich. „Steigende Preise, Lieferkettenprobleme und Unsicherheit belasten die Stimmung in Unternehmen und privaten Haushalten.“ Als Hauptursache nennt das Ministerium die Eskalation im Nahen Osten - den seit gut vier Wochen andauernden Krieg zwischen Israel, den USA und dem Iran sowie die faktische Schließung der Straße von Hormus für den Tankerverkehr.

Wirtschaftsministerin Reiche selbst sagte am Freitag in Berlin, der Krieg im Iran treibe die Preise für Energie und Rohstoffe in die Höhe. Die Eskalation im Nahen Osten habe Deutschland wie auch andere Länder wirtschaftlich zurückgeworfen, erklärte die CDU-Politikerin nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa. Auf den Energie-, Rohstoff- und Finanzmärkten werde die hohe Volatilität anhalten - auch über eine mögliche Deeskalation hinaus.

Aktuelle Indikatoren deuten auf einen deutlichen Dämpfer im zweiten Quartal hin.
- Bundeswirtschaftsministerium, Monatsbericht Mai 2026

Bau und Energieindustrie unter Druck

Besonders kritisch ist die Lage im Wohnungsbau und in der energieintensiven Industrie. Die Stimmung im Wohnungsbau brach im April auf den schlechtesten Wert seit knapp vier Jahren ein. In Chemie, Papier, Glas und Metallerzeugung arbeiteten im März noch rund 794.400 Beschäftigte - das sind 6,3 Prozent weniger als im Februar 2022, dem Monat vor Beginn der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Rund 53.000 Stellen sind seither in diesen Branchen verloren gegangen.

Auch die Lieferketten zeigen erste Bremsspuren. Der Anteil der Industriefirmen, die Materialengpässe melden, stieg laut Bericht auf 9,2 Prozent. Rund 90 Prozent der Industrieunternehmen berichten in Umfragen nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) von negativen Folgen des Iran-Kriegs. Das IW hatte seine Wachstumsprognose für 2026 bereits in der Vorwoche halbiert und sprach von der „längsten Krise seit 20 Jahren“.

Politisch ist die Halbierung der Prognose ein Schlag für die schwarz-rote Koalition. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte erst am Mittwoch beim Katholikentag in Würzburg eingeräumt, die Regierung streite „zu viel“ und liefere „zu wenig Ergebnisse“. Wirtschaftsverbände fordern seit Wochen kurzfristige Entlastungen bei Energiepreisen und Bürokratie. Der nächste reguläre Wirtschaftsbericht der Bundesregierung wird im Herbst erwartet.