In Pristina ist es nach dem Urteil des Kosovo-Sondergerichts gegen Hashim Thaçi zu schweren Ausschreitungen gekommen. Am Mittwochabend zogen junge Männer mit Fahnen der Kosovo-Befreiungsarmee UÇK vor die Zentrale der EU-Rechtsstaatsmission EULEX und bewarfen das Gebäude mit Steinen, Pyrotechnik und Plastikflaschen. Bis in die Nacht flogen laut kosovarischen Medien Molotow-Cocktails; in den Büros brach ein Feuer aus, Fenster gingen zu Bruch. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Auch das Regierungsgebäude in Pristina wurde mit Steinen und Böllern angegriffen.
Wie wir am Mittwoch berichteten, hatte die Kammer in Den Haag den früheren Präsidenten kurz zuvor zu 25 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen verurteilt. Ebenfalls schuldig gesprochen wurden die früheren UÇK-Führungsleute Jakup Krasniqi (25 Jahre), Kadri Veseli (18 Jahre) und Rexhep Selimi (13 Jahre). Tausende Anhänger hatten das Urteil auf einer Großleinwand im Zentrum von Pristina verfolgt; viele hatten mit einem Freispruch gerechnet.
Der Sender KOHA meldete gegen 23.20 Uhr neue Steinwürfe auf das EULEX-Gebäude. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben zwei Personen fest; einer der Verdächtigen wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft 48 Stunden festgehalten, der zweite kam frei. Die Beamten forderten die Demonstranten wiederholt auf, den Protest „friedlich zu gestalten“. Ein Teil der Menge zog später zum Flughafen von Pristina, um die Söhne von Thaçi und Veseli in Empfang zu nehmen.
Kurti stellt sich hinter die Verurteilten
Regierungschef Albin Kurti hatte das Urteil bereits vor den Ausschreitungen scharf zurückgewiesen. Auf Facebook nannte er es eine „harte, schädliche Strafe“, die in der Berufungsinstanz aufgehoben werden müsse. Der Ministerpräsident stellte sich damit an die Seite der Verurteilten - ein Signal, das die Straßenproteste politisch flankierte.
Der Grund, warum die UÇK entstand, ist und darf weder bestraft noch beschmutzt werden.
Veteranen und Studierende weiten den Protest aus
Am Donnerstagmittag nahmen die Kundgebungen wieder Fahrt auf. Die UÇK-Veteranenvereinigung kündigte laut Balkan Insight einen „nationalen Koordinierungsrat“ mit ethnisch-albanischen Gruppen aus dem Balkan und der Diaspora an. Ihr stellvertretender Vorsitzender Gazmend Syla erklärte, man wolle sich den Studierenden auf Pristinas zentralem Platz anschließen. Die Studierendenbewegung firmiert unter dem Namen „Not In My Name“ - eine Antwort darauf, dass der vorsitzende Richter Charles Smith das Urteil im Namen des kosovarischen Volkes verlesen hatte.
Alle vier Verurteilten haben Berufung angekündigt. In Belgrad reagierte die Regierung zufrieden auf das Urteil, kritisierte aber den Freispruch von den Vorwürfen der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Innenminister Ivica Dačić bezeichnete die UÇK gegenüber serbischen Medien als „kriminelle und terroristische Organisation“.