Drei Tage nach dem Tod von Klaus-Michael Kühne zeichnet sich ab, wie das Milliardenvermögen des Logistikunternehmers verteilt und verwaltet wird. Nach übereinstimmenden Berichten von Handelsblatt, t-online und der Zürcher Boulevardzeitung 20 Minuten fließt die gesamte Kühne Holding in die 1976 gegründete Kühne-Stiftung. Deren Präsidentschaft übernimmt der Basler Wirtschaftsanwalt Thomas Staehelin, den Kühne bereits Anfang 2025 zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.
Die Stiftung wird damit über Nacht zu einer der größten philanthropischen Institutionen Europas. Das Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz taxiert das eingebrachte Vermögen auf 21 bis 22 Milliarden Franken, das Handelsblatt spricht von rund 30 Milliarden. Kühne war kinderlos; seine Ehefrau Christine erbt die Geschäftsanteile nicht. „Mein Betriebsvermögen wird in meine gemeinnützige Stiftung überführt, wenn ich nicht mehr bin“, hatte Kühne bereits vor Jahren der Welt gesagt.
Übergangspräsident und ein Kandidatenfeld
Staehelin gilt in der Schweizer Wirtschaft als „graue Eminenz“, wie das Handelsblatt schreibt. Der 78-Jährige ist Partner der Basler Kanzlei Fromer Schultheiss & Staehelin, saß in den Aufsichtsräten von Swissport, Radisson, der Scobag-Privatbank und der Lenzerheide Bergbahnen und beriet schon Kühnes Vater Alfred bei der Verlegung der Spedition von Bremen in die Schweiz. Sein Alter macht ihn allerdings zur Übergangslösung. Für die Zeit danach sei „noch nichts festgelegt“, hatte Kühne zwei Jahre vor seinem Tod erklärt; als möglicher Nachrücker wird der frühere Bundesbankpräsident Jens Weidmann gehandelt, den Kühne in den elfköpfigen Stiftungsrat berief, ebenso Axa-Chef Thomas Buberl.
Mein Betriebsvermögen wird in meine gemeinnützige Stiftung überführt, wenn ich nicht mehr bin.
Die Stiftung finanziert nach eigenen Angaben Logistikausbildung an Hochschulen, medizinische Forschung, das Kühne Climate Center in Hamburg sowie Kulturprojekte von der Elbphilharmonie bis zu den Salzburger Festspielen. Rund 42 Prozent ihrer jährlichen Ausschüttungen von zuletzt etwa 65 Millionen Franken flossen zuletzt in die Logistikbildung, wie 20 Minuten berichtet. Über die Holding kontrolliert die Stiftung künftig die Mehrheit an Kühne+Nagel, 30 Prozent an der Reederei Hapag-Lloyd, knapp 20 Prozent der Lufthansa sowie 15 Prozent am Chemiehändler Brenntag.
Hamburg wartet auf klare Ansagen
In Hamburg hängen an dieser Konstruktion drei prominente Bauvorhaben. Der neue Opernhausbau am Baakenhöft bleibt gesichert: Die Stadt investiert 250 Millionen Euro in die Erschließung, das Gebäude selbst mit veranschlagten mindestens 350 Millionen Euro finanziert die Kühne-Stiftung. Der Vertrag wurde nicht mit Kühne persönlich, sondern mit der Stiftung geschlossen, wie die taz betont. Am Elbtower dagegen, den Kühne über ein Investorenkonsortium retten wollte, sind die Verhandlungen mit dem Senat festgefahren. Die Stadt hatte 600 Millionen Euro als Obergrenze genannt, den Investoren reicht das nicht.
Beim Hamburger SV bleibt der 13,5-Prozent-Anteil zunächst dort, wo er ist: bei der Kühne Holding AG. „Die Gesellschaft besteht nach seinem Tod weiter und bleibt Anteilseignerin der HSV Fußball AG & Co. KGaA“, heißt es laut t-online aus dem Umfeld der Holding. Auch die Namensrechte am Volksparkstadion laufen wie geplant bis 2028; der Gesellschaft zufolge soll „dieser traditionsreiche Name erhalten bleiben“. Was danach kommt und ob die Holding Kühnes persönliches Engagement in gleicher Höhe fortsetzt - Transfers, Kredite, Trainerdiskussionen -, dazu liegt keine öffentliche Erklärung vor.
Für den Staat bedeutet die Konstruktion einen Verzicht auf Erbschaftssteuer: Da das Vermögen an eine gemeinnützige Stiftung fließt, fällt keine Steuer an. Kritische Stimmen aus der Hamburger Lokalpolitik weisen darauf hin, dass damit erhebliche Entscheidungsmacht in einem Stiftungsrat konzentriert bleibt, der weder gewählt ist noch politisch kontrolliert wird. Die Kühne-Stiftung ist ab jetzt jene Instanz, bei der HSV-Präsidium, Hamburger Senat und Konzernvorstände in Bremen und Zürich anklopfen.