Jared Kushner ist am späten Sonntagabend in Israel gelandet, um am Montag mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu über den ins Stocken geratenen Gaza-Fahrplan zu verhandeln. Zuvor hatte der Schwiegersohn und Nahost-Beauftragte von US-Präsident Donald Trump im ägyptischen El Alamein mehr als zwei Stunden mit Hamas-Chef Chalil al-Haja gesprochen, eine für die USA seltene direkte Begegnung mit der Führung der Islamistenorganisation. Begleitet wurde Kushner nach Angaben von Al Jazeera und Handelsblatt vom früheren britischen Premier Tony Blair und Nickolay Mladenov, dem Leiter des von Washington eingesetzten „Friedensrats“, der die seit Oktober 2025 geltende Waffenruhe überwachen soll.
An dem Treffen in El Alamein nahmen auch der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi, Außenminister Badr Abdel-Atti und Geheimdienstchef Hassan Raschad teil, dazu Diplomaten aus Katar und der Türkei. Nach den Gesprächen erklärte ein Hamas-Sprecher gegenüber dem Handelsblatt, die Organisation stehe zu Trumps 15-Punkte-Plan und erwarte eine 14-tägige Verhandlungsphase, in der ein verbindlicher Umsetzungszeitplan festgelegt werden solle. Der Preis dafür: ein Ende der israelischen Angriffe und ein Rückzug der Truppen auf die sogenannte „gelbe Linie“. Die israelische Armee kontrolliert derzeit rund 60 Prozent des Gazastreifens.
Vor allem eine Bedingung verschärft die Lage vor dem heutigen Treffen in Jerusalem: Die Hamas werde erst dann beginnen, ihre Waffen abzugeben, wenn Netanjahu sich öffentlich zum Fahrplan bekenne. Gegenüber Al Jazeera forderten Vertreter der Organisation die Vermittler und den Friedensrat auf, Israel zu zwingen, alle Verpflichtungen der ersten Phase zu erfüllen. Kushner wiederum pochte laut Times of Israel auf eine „überprüfbare“ Entwaffnung - genau jene Forderung, mit der Netanjahu vergangene Woche einen ungewöhnlich offenen Bruch mit dem Weißen Haus riskiert hatte.
Netanjahu unter doppeltem Druck
Der Ministerpräsident hatte den 15-Punkte-Plan Anfang August in einer für einen engen Verbündeten seltenen Deutlichkeit zurückgewiesen und angekündigt, es werde keinen Truppenabzug geben, solange die Hamas nicht vollständig entwaffnet sei. Zugleich wuchs der Druck aus der Region: In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten acht mehrheitlich muslimische Staaten, darunter Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar, die Blockadehaltung. Israel trage nun die Verantwortung dafür, „die Bemühungen um Frieden in Gaza zu behindern“, zitierte Haaretz aus dem Statement.
Für Kushner ist der Tag heikel. Ein bereits einmal auf der Kippe stehendes Abkommen ein zweites Mal zu retten, gilt in Washington als Vertrauensbeweis Trumps, der ihm 2020 die Abraham Accords und im Oktober 2025 die brüchige Gaza-Waffenruhe zuschrieb. Die aktuelle Runde ist die erste seit Netanjahus offener Ablehnung des neuen Fahrplans - und die erste, bei der Blair und Mladenov gemeinsam mit Kushner in Jerusalem auftreten.
Konkrete Aussagen zum Fortgang gab es zunächst nicht. Aus dem Weißen Haus hieß es laut Washington Post lediglich, man werde sich zu den laufenden Gesprächen nicht äußern. Netanjahus Büro bestätigte den Termin, ließ die Position der Regierung aber offen. Ohne Bewegung an diesem Montag droht der zweite Anlauf für einen dauerhaften Waffenstillstand zu scheitern, bevor er richtig begonnen hat. In Gaza selbst gingen die israelischen Luftangriffe nach Angaben der Times of Israel auch am Sonntag weiter. Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 wurden dort nach Zählung von Al Jazeera mindestens 1.250 Palästinenser getötet.