Zum ersten Mal in ihrer 80-jährigen Geschichte spielen die Bregenzer Festspiele Verdis „La traviata“ auf der Seebühne. Regisseur Damiano Michieletto verlegte die Uraufführung am 22. Juli auf dem Bodensee vom 19. Jahrhundert in die Goldenen Zwanziger; Kirill Karabits dirigierte die Wiener Symphoniker vom benachbarten Festspielhaus aus. Das ZDF zeigte am Sonntagabend um 22.15 Uhr einen 100-minütigen Zusammenschnitt der Inszenierung und stellt die vollständige Aufführung bis zum 27. Oktober in die Mediathek.
Michielettos Konzept ersetzt Salons durch Jazzclubs, seidene Roben durch Charleston-Kleider, die Halbwelt der Pariser Kurtisanen durch die dekadente Partyszene der Zwischenkriegszeit. Zentrales Bühnenbild ist eine 25 Meter hohe Spiegelwand, zusammengesetzt aus 86 zerbrochenen Fragmenten, entworfen von Paolo Fantin. Auf die Wand projiziert werden Erinnerungssplitter aus dem Leben der sterbenden Violetta Valéry. Im Finale rollt eine sechs Meter große schwarze Kugel als Todessymbol über die Szene.
Kühle Ästhetik, warme Stimme
Die Premierenkritik reagierte gespalten. Peter Krause urteilte auf concerti.de, das ambitionierte Bild kratze „nur an der Oberfläche“; die Feste auf der Seebühne verkämen zum Spektakel, ohne dramatischen Kern. Kirsten Liese fasste im Online-Magazin Der Opernfreund zusammen, warum ihr die Inszenierung emotional fremd blieb.
Leidenschaft, Begehren, Schwermut, Enttäuschung, Eifersucht und Schmerz, die großen Emotionen fallen in dieser unterkühlten Inszenierung buchstäblich ins Wasser.
Getragen wird der Abend von der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen als Violetta. Liese beschrieb ihren Auftritt als „Entdeckung des Abends“, mit sicheren Spitzentönen und leuchtender Höhe. Der französische Tenor Julien Behr als Alfredo blieb der Kritikerin zufolge dagegen zurückhaltend, fand aber im Lauf des Abends stimmlich zu sich; der bulgarische Bariton Vladimir Stoyanov (Giorgio Germont) sei „stimmgewaltig und angemessen unnachgiebig“. Die Wiener Symphoniker unter Karabits ernteten für ihre farbige, präzise Begleitung besonderes Lob.
Live vor 7.000 Zuschauern, in Millionen Wohnzimmern
Die Bregenzer Seebühne fasst rund 7.000 Zuschauer pro Aufführung; „La traviata“ läuft dort bis zum 23. August, ergänzt durch Termine im Festspielhaus. Der ORF hatte die Produktion bereits am 24. Juli in ORF 2 und ORF ON live übertragen, moderiert von Teresa Vogl. 3sat wiederholt eine Aufzeichnung am 29. August um 20.15 Uhr. Die 100-minütige ZDF-Fassung, aufgezeichnet mit elf HD-Kameras unter der Bildregie von Henning Kasten, ist bis Ende Oktober in der Mediathek abrufbar.
Für die Festspiele ist die Wahl ein kalkuliertes Risiko: Verdis „La traviata“ gehört zum meistgespielten Repertoire des Musiktheaters, jede Regie steht sofort im Vergleich zu einem globalen Kanon. Dass Michielettos zerbrochener Spiegel Kritik nicht scheut, gehört zur DNA der Seebühne, die seit Jahrzehnten mit monumentalen, bildstarken Neudeutungen arbeitet. Ob das Publikum der kommenden vier Wochen die Distanz teilt oder das Spektakel feiert, entscheidet sich Abend für Abend am Bodensee.