Der Widerstand gegen den 20-Milliarden-Investorenplan von FIFA-Präsident Gianni Infantino ist am Freitag in die Zürcher Zentrale des Weltverbands vorgedrungen. Zunächst legte der langjährige Chefberater Carlos Cordeiro sein Mandat nieder. Am Abend wandte sich mit Kevin Lamour dann der amtierende FIFA-Betriebsdirektor gegen den eigenen Präsidenten und warf ihm gegenüber der Nachrichtenagentur AP „Verachtung und Einschüchterung“ der Belegschaft vor. Der Vorstoß ist der erste öffentliche Angriff aus dem laufenden operativen Geschäft der FIFA - eine bislang undenkbare Grenzüberschreitung.
Lamour, seit November 2024 Chief Operating Officer der FIFA und langjähriger Weggefährte Infantinos aus gemeinsamen UEFA-Zeiten, sagte AP wörtlich: „Es ist das Projekt einer einzigen Person.“ Die Mitarbeiter des Verbands seien beim Zustandekommen von „Fifa Forward Enterprise“ (FFE) übergangen worden, „wir wurden hintergangen“, so der Franzose. Über die möglichen Folgen für ihn persönlich sagte er: „Falls das bedeutet, dass ich meinen Job verliere, dann ist es so. Zumindest werde ich nachts ruhig schlafen.“ Der Tagesspiegel dokumentiert die Passage mit dem Zusatz, die Belegschaft habe „Besseres verdient als Verachtung und Einschüchterung“.
Es ist das Projekt einer einzigen Person.
Wie wir am Freitagmittag berichteten, hatten bis dahin bereits die Konföderationen UEFA, CONCACAF und AFC den FFE-Deal abgelehnt. Damit stehen 136 der 211 FIFA-Mitgliedsverbände gegen den Vorschlag, für Infantinos einfache Mehrheit von 106 Stimmen fehlt die rechnerische Basis. Neu ist die Personalie Cordeiro: Der ehemalige Präsident des US-Verbands US Soccer, Ex-Goldman-Sachs-Banker und seit 2021 Senior Advisor für globale Strategie und Governance in Zürich, gab am Freitagvormittag seinen Rückzug bekannt. In seinem Statement, das t-online, ZDFheute und die Hasepost dokumentieren, heißt es: „Als leitender Berater des FIFA-Präsidenten, ehemaliger Banker und lebenslanger Fußballfan kann ich nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht.“ Der Deal sei „ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball“. Cordeiro betonte: „Ich lehne sie unmissverständlich ab.“
Eine Reaktion Infantinos auf beide Vorgänge blieb bis zum späten Freitagabend aus, notiert der Berichterstatter der dpa. Am Vormittag hatte die FIFA-Pressestelle den Plan noch als „lediglich ein Angebot“ und „Teil eines demokratischen Beratungsprozesses“ bezeichnet und beteuert, „niemand verkauft den Fußball“. Der Widerspruch zwischen dieser Sprachregelung und den Vorwürfen aus dem eigenen Haus dürfte Infantinos Position am Wochenende zusätzlich unter Druck setzen. Nach dem Abgang Cordeiros ist er den einzigen ausgewiesenen US-Finanzberater in dieser Sache los, mit Lamour steht darüber hinaus der Kopf des Tagesgeschäfts offen gegen ihn.
Klaveness spricht von „Erpressung“
Verstärkung bekommt der Widerstand aus Skandinavien. Die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness, seit Katar 2022 eine der schärfsten Kritikerinnen der FIFA-Führung, bezeichnete die von Infantino gesetzte Zustimmungsfrist bis zum 19. September gegenüber ZDFheute als „absolut eine Form der Erpressung“. Wer bis dahin einwillige, dem stellt die FIFA einen Bonus von 20 Millionen Dollar in Aussicht - hinzu kämen ab 2027 jährliche Zahlungen von fünf statt bisher zwei Millionen Dollar pro Verband. Auch Bayer-Leverkusen-Trainer Xabi Alonso und Freiburgs früherer Coach Christian Streich äußerten sich in der Woche öffentlich kritisch.
Nächste Bewährungsprobe bereits im September
Praktisch relevant wird die Machtprobe früher, als es die Zustimmungsfrist vom 19. September nahelegt. Bereits vom 5. bis 27. September findet in Polen die U-20-Frauen-WM statt - das erste FIFA-Turnier nach dem UEFA-Boykottbeschluss vom Donnerstag. Sollte auch nur ein europäischer Verband seine Mannschaft aus Warschau, Chorzów oder Danzig zurückziehen, wäre der Konflikt aus dem Kongresssaal auf den Platz eskaliert. Für die FIFA-Spitze ist der Kalender damit unangenehm eng: Nach dem AFC-Nein am Freitagnachmittag und den Angriffen Cordeiros und Lamours am Abend bleiben Infantino sieben Wochen, um entweder eine Mehrheit doch noch zu organisieren oder den Vorstoß zurückzuziehen - und mit ihm die Autorität, mit der er 2027 für eine weitere Amtszeit als FIFA-Präsident kandidieren will.