Italienische Eurofighter der Nato-Luftraumüberwachung haben in der Nacht zum Freitag eine ausländische Drohne über der lettischen Region Balvi abgeschossen. Der zuvor ausgerufene Luftalarm wurde nach dem Abschuss um 04:37 Uhr UTC aufgehoben, wie das Verteidigungsministerium in Riga auf der Plattform X mitteilte. Verletzte oder größere Schäden gab es nach Angaben der Streitkräfte nicht.

Das unbemannte Fluggerät sei „infolge der elektronischen Kampfführung Russlands" in den lettischen Luftraum geraten, teilte das Ministerium mit. Die Herkunft der Drohne blieb zunächst offen. Der lettische Rundfunk berichtete, ukrainische Truppen hätten in der Nacht Ziele im Nordwesten Russlands angegriffen - naheliegend sei damit, dass es sich um eine dorthin gestartete und umgelenkte ukrainische Drohne handelte. Der Abschuss erfolgte im Rahmen der Nato Baltic Air Policing, für die Italien turnusmäßig vom Militärflughafen Šiauliai in Litauen aus fliegt; die drei baltischen Staaten unterhalten keine eigenen Kampfjets.

Es ist der zweite Vorfall dieser Art binnen weniger Wochen. Anfang Juni holten Nato-Jets bereits eine über Lettland verirrte Drohne vom Himmel. Im Mai war der Absturz zweier ukrainischer Drohnen in Rēzekne, rund 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, zum Auslöser einer Regierungskrise geworden: Nach der Entlassung des Verteidigungsministers Andris Sprūds verlor Premierministerin Evika Siliņa die Mehrheit und trat zurück. Seit Ende Mai führt der Zentrumspolitiker Andris Kulbergs eine Vier-Parteien-Koalition, die mit 66 der 100 Sitze in der Saeima über eine komfortable Mehrheit verfügt.

Wir haben die Systeme gekauft und vergessen, die Munition zu bestellen.
- Andris Kulbergs, Ministerpräsident Lettlands, gegenüber lokalen Medien

Kulbergs selbst hatte diese Woche eingeräumt, dass Lettlands Drohnenabwehr auf dem Papier weiter aufgestellt ist als in der Realität. Sein Land nenne sich zwar „Drohnenmacht", tatsächlich aber fehle es an der Grundausstattung, sagte der Regierungschef laut dem Kyiv Independent. Von der Vorgängerregierung übernommene Abwehrsysteme seien ohne die dazugehörige Munition beschafft worden - welches System und welche Behörde konkret gemeint waren, ließ er offen. Riga wolle stattdessen die ukrainischen Erfahrungen in der Drohnenbekämpfung nutzen und stärker auf Systeme setzen, die ohne teure Lenkflugkörper auskommen.

Nato-Ostflanke unter Dauerdruck

Lettland teilt eine rund 270 Kilometer lange Grenze mit Russland und eine weitere mit Belarus. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist der Luftraum entlang der Nato-Ostflanke wiederholt Durchgangsraum für abstürzende oder umgelenkte Drohnen geworden - im Mai in Lettland, Ende Juli mit einer russischen Rakete über Ostpolen, Anfang August mit einem Sprengsatz an einem Antonow-Frachter am Flughafen Leipzig/Halle, den die Behörden als hybriden Anschlag einstufen. Gemeinsam mit Estland und Litauen baut Riga seit 2024 die Baltische Verteidigungslinie entlang der Ostgrenze aus; in fünf Jahren fließen 303 Millionen Euro in Sperranlagen und Sensorik.

Der neuerliche Abschuss dürfte den Druck auf Kulbergs' Regierung erhöhen, in der Luftverteidigung schneller zu liefern. Reguläre Parlamentswahlen stehen im Oktober an. Bis dahin bleibt die Aufgabe doppelt: den Luftraum sichern und gleichzeitig demonstrieren, dass die Lehren aus der Siliņa-Krise gezogen sind.