Wenige Philosophen des 20. Jahrhunderts spalten das Feuilleton wie er: Vor 50 Jahren, am 26. Mai 1976, starb Martin Heidegger in seinem Freiburger Haus am Rötebuckweg. Begraben liegt er seither auf dem Friedhof von Meßkirch, der oberschwäbischen Kleinstadt, in der er 1889 zur Welt kam. Zum runden Todestag treffen in dieser Woche zwei Linien aufeinander: die Würdigung des Denkers, der mit „Sein und Zeit“ die abendländische Ontologie umstoßen wollte, und die nicht verstummende Debatte über seine Mitgliedschaft in der NSDAP und sein Schweigen nach 1945.

Den Auftakt machte am Dienstag Cicero. Alexander Grau widmete dem „tragischen Kritiker unserer Moderne“ ein langes Porträt und brachte die Spannung in eine Formel: „Zu spät erkannte er den Nationalsozialismus als Produkt der verachteten Moderne.“ Das Magazin Philomag hatte einige Wochen zuvor den Wuppertaler Heidegger-Forscher Peter Trawny zu Wort kommen lassen. Dessen Befund: Heidegger habe der Philosophie eine andere Richtung verordnet.

Den Denkströmungen seiner Zeit sagte der junge Intellektuelle den Kampf an und erklärte die Betrachtung des Sinns von Sein zur einzig wichtigen Frage der Philosophie.
- Peter Trawny, Philomag

Sein und Zeit, hundert Jahre alt

Der Jahrestag fällt in eine Zeit, in der Heideggers Hauptwerk vor seinem nächsten Jubiläum steht. 1927 erschien „Sein und Zeit“, jenes Buch, in dem Heidegger den Begriff des „Daseins“ prägte und den Menschen nicht als Subjekt, sondern als geworfenes In-der-Welt-Sein beschrieb. Die Martin-Heidegger-Gesellschaft nimmt das zum Anlass, am Donnerstag in Meßkirch zu einer Gedenkfeier zu laden. Prof. Holger Zaborowski von der Universität Erfurt soll einen Vortrag mit dem Titel „Warum Heidegger weltweit fasziniert - und was er uns heute noch zu sagen hat“ halten. Anschließend tagt die Gesellschaft vom 29. bis 31. Mai im Schloss Meßkirch über die internationale Wirkungsgeschichte des Buchs.

Auch im englischsprachigen Raum nimmt man Heideggers Tod zum Anlass für Bilanzen. Die British Society for Phenomenology hielt vom 21. bis 23. Mai an der University of Sussex eine Konferenz unter dem Titel „Heidegger 50 years on: Is There Still a God That Can Save Us?“ ab - eine Anspielung auf Heideggers berühmtes Spiegel-Interview von 1966, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde.

Technikkritik in der KI-Gegenwart

Bei aller Reserve gegenüber dem Privatmenschen Heidegger fällt auf, wie stark sein Begriffsapparat in die Gegenwart hineinwirkt. Seine Technikphilosophie - die Frage nach dem „Gestell“, das die Welt zur Verfügungsmasse macht - kehrt im Schatten von KI-Systemen und Plattformmacht in die Debatten zurück. Cicero-Leser kommentierten den Beitrag von Grau entsprechend: Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz sei Heideggers Technikskepsis aktueller denn je, schrieb einer von ihnen unter Klarnamen.

Was bleibt, ist ein zwiespältiges Erbe. Heideggers Eintritt in die NSDAP 1933, seine Rektoratsrede in Freiburg, der Ausschluss seines jüdischen Lehrers Edmund Husserl von der Universität - all das ist seit den Schwarzen Heften von 2014 dokumentiert wie nie zuvor. Die Heidegger-Gesellschaft selbst hat sich neu aufgestellt und debattiert offen über Antisemitismus im Werk. Wer Heidegger heute liest, kommt an dieser Doppelbödigkeit nicht vorbei - und das, sagen Forscher wie Trawny, sei womöglich genau der Sinn eines Gedenkjahrs.