Vier Tage nach dem WM-Achtelfinale gegen Frankreich haben Fans in Paraguay eine Strohpuppe zum Ebenbild Kylian Mbappés verbrannt. Videos der Aktion, die französische und belgische Medien am Donnerstag verbreiteten, sind der bislang drastischste Auswuchs einer Affäre, die inzwischen die Pariser Staatsanwaltschaft, den Élyséepalast und die FIFA beschäftigt.
Auslöser war die 1:0-Niederlage der Albirroja am 4. Juli in Philadelphia, entschieden durch Mbappés Foulelfmeter in der 70. Minute. Kurz nach Schlusspfiff veröffentlichte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla de Boccia auf X eine Serie von Beiträgen, in denen sie den Frankreich-Kapitän einen „kolonialisierten Kameruner“ nannte, der sich als Franzose ausgebe. In einem der Posts hieß es, Mbappé habe „statt Muttermilch Kokosnüsse ausgesaugt“, zitiert nach ZDFheute.
Der Angesprochene reagierte auf X. Amarilla sei „eine verabscheuungswürdige Frau, unwürdig ihres Amtes“; sie repräsentiere nicht das Paraguay, das im Turnier „Leidenschaft und Anstand ausgestrahlt“ habe, wie die Sportschau die Erklärung wiedergibt. Der französische Fußballverband FFF kündigte parallel eine Strafanzeige an. Verbandschef Philippe Diallo sagte laut SRF: „Angriffe auf unsere Spieler sind Angriffe auf Frankreich.“
Am Dienstag leitete die Pariser Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein - wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter und öffentlicher Anstachelung zu Hass oder Gewalt. Beide Tatbestände sind nach französischem Recht mit bis zu einem Jahr Haft und 45.000 Euro Geldstrafe bedroht, wie orf.at unter Berufung auf die Behörde berichtet.
Ein weiteres Tor für Kylian Mbappé. Diesmal gegen den Rassismus.
International schlossen sich weitere Stimmen der Verurteilung an: FIFA-Präsident Gianni Infantino, das UN-Menschenrechtsbüro, das die Äußerungen „abscheulich“ nannte, sowie Frankreichs Sportministerin Marina Ferrari. Amarilla veröffentlichte am Wochenende einen offenen Brief, in dem sie einen Teil ihrer Formulierungen bedauerte - sie kenne als Latina selbst Rassismus. Wenig später verlangte sie ihrerseits eine Entschuldigung von Mbappé und drohte mit einer Gegenklage.
Am Mittwoch distanzierte sich schließlich die Regierung in Asunción offiziell. Die Äußerungen der Senatorin widersprächen „den Werten und Prinzipien, die das friedliche Zusammenleben und die Achtung der Menschenwürde inspirieren“, teilte das Präsidialamt mit. Ferrari erklärte gegenüber dem Sender Franceinfo, Paris habe die Entschuldigung Paraguays entgegengenommen.
Judas Kái und ein verweigerter Handschlag
Das Verbrennen der Puppe steht in der Tradition des Judas Kái, eines Volksbrauchs im Rahmen der paraguayischen Sankt-Johannis-Feste. Jedes Jahr wird das Abbild einer Figur verbrannt, die im Land als besonders anstößig gilt. Diesmal fiel die Wahl auf Mbappé, den viele Fans nach dem verweigerten Handschlag mit Torwart Orlando Gill und einer als Geste zum „Nachhausegehen“ gedeuteten Bewegung als Sinnbild französischer Arroganz empfanden. „Es sollte ihm Unglück bringen“, zitierte die belgische Zeitung L'Avenir einen Anwohner.
Sportlich bleibt Mbappé unter Zeitdruck. Um 22 Uhr MESZ trifft Frankreich im WM-Viertelfinale von Boston auf Marokko - dieselbe Paarung, die 2022 in Doha das Halbfinale bestritt. Ob die 27-Jährige die Affäre neben der Partie führen kann, wird sich am Freitagabend zeigen. Ihr juristisches Nachspiel dürfte den Frankreich-Kapitän länger begleiten: Die Pariser Ermittlungen laufen unabhängig vom WM-Kalender weiter.