Nicht die zwei Tore, sondern eine dreiminütige Wartezeit bestimmt am Freitag die Nachlese zum WM-Viertelfinale zwischen Frankreich und Marokko. Nach dem 2:0-Sieg der Franzosen im Gillette Stadium von Foxborough streiten Fans, TV-Experten und Konkurrenten aus dem Turnier über den Umgang des argentinischen Schiedsrichters Facundo Tello mit dem Elfmeter, den Kylian Mbappé in der 28. Minute vergab.

Der Ablauf: Nach einem Foul des Marokkaners Noussair Mazraoui zeigte Tello auf den Punkt, bevor der Video-Assistent den Angriffsvorlauf noch einmal auf ein mögliches französisches Vergehen prüfen wollte. Drei Minuten und elf Sekunden verstrichen zwischen Pfiff und Ausführung, dazu ließ der Argentinier den Kapitän den Ball nach eigener Sichtprüfung erneut positionieren. Als Mbappé schließlich schoss, hatte Marokkos Torhüter Yassine Bounou leichtes Spiel.

Der prompteste Kommentar kam aus dem norwegischen Teamhotel. Erling Haaland, der am Samstag mit Norwegen im Hard Rock Stadium gegen England ins nächste Viertelfinale geht, veröffentlichte auf Snapchat ein Foto der Szene mit dem Zusatz: „Fünf Minuten warten zu müssen, um einen Elfmeter auszuführen, ist viel zu lange.“ Der City-Stürmer, bei Manchester City selbst Elfmeterschütze, übertrieb die tatsächliche Wartezeit leicht - der Punkt saß trotzdem.

Für mich ist es ein Witz, dass Mbappé da so lange warten muss. Nimmt er hier Einfluss auf den Elfmeter?
- Bastian Schweinsteiger, ARD

Im ARD-Studio schoss Bastian Schweinsteiger ähnlich scharf. „So was bringt ja den Schützen durcheinander, wenn der schon den Ball da hinlegt“, sagte der Weltmeister von 2014 laut Sport1 - und nahm den Franzosen zugleich nicht aus der Pflicht: „Trotzdem kann er auch reingehen, brauchen wir nicht darüber reden.“ Jürgen Klopp, der das Turnier für MagentaTV analysiert, wählte den flapsigen Ton. Die lange Pause habe Mbappé „sicher nicht geholfen“, sagte Klopp, „das konnte man ihm auch anmerken. Jetzt wissen wir nicht, was da genau los war, ob er in der Pinkelpause war, oder was.“ Er ergänzte den Verweis auf den Argentinier ausdrücklich.

Deschamps stimmt Haaland zu

Frankreichs Trainer schloss sich der Kritik nach Abpfiff an. „Ich stimme Haaland zu“, sagte Didier Deschamps auf der Pressekonferenz. Der VAR-Referee habe „den Vorfall geprüft, dann die Entscheidung bestätigt, danach kam noch eine Überprüfung, die etwa zwei weitere Minuten dauerte“, so Deschamps gegenüber Journalisten in Foxborough. Die Situation sei „nicht so kompliziert“ gewesen, Mbappé sei „längst bereit“ gewesen.

Der Kapitän selbst räumte nach dem Spiel ein, die Konzentration verloren zu haben. Zur Matchwinner-Rolle fand er dennoch zurück: In der 60. Minute schlenzte Mbappé den Ball zum 1:0 in den Winkel, sechs Minuten später legte Ousmane Dembélé nach. Frankreich zieht als erstes Team ins Halbfinale ein und wartet dort auf den Sieger des zweiten Viertelfinales zwischen Spanien und Belgien, das am Freitagabend im SoFi Stadium von Los Angeles ansteht. Für die FIFA bleibt eine Debatte, die sich das Turnier bislang zu ersparen versucht hatte.