Der Grenzübergang Beni Enzar zwischen der spanischen Exklave Melilla und Marokko bleibt an diesem Sonntag geschlossen. Die Regierungsdelegation hatte die Sperre am Donnerstagabend angeordnet - für Fahrzeuge wie Fußgänger, und damit inmitten der Rückreisewelle der in Europa lebenden marokkanischen Diaspora. Ausgangspunkt war ein Massenversuch, den einzig verbliebenen offenen Übergang zwischen der Stadt und der Provinz Nador zu forcieren.
Am Freitagabend spitzte sich die Lage weiter zu. Rund 500 Menschen hätten in mindestens zwei Wellen versucht, den Grenzzaun zu überqueren, meldete der staatliche Rundfunk RTVE. Beamte berichteten von Steinwürfen; die Guardia Civil antwortete mit Tränengas. Ob und wie viele Migranten dabei tatsächlich auf spanisches Gebiet gelangten, blieb zunächst offen. In der Nacht zum Samstag patrouillierten Streifenwagen mit Blaulicht entlang des gesamten Zauns, auch die Marineabteilung verstärkte die Präsenz vor der Küste.
Nach Angaben der Regierungsdelegation gelangten in derselben Nacht 19 Migranten über den südlichen Wellenbrecher Dique Sur schwimmend in die Exklave, darunter 15 unbegleitete Minderjährige und vier Frauen. Erst danach verlagerte sich der Druck an den Grenzzaun. Wie viele Menschen dort tatsächlich durchkamen, sei noch nicht abschließend geklärt, teilte die Delegation mit.
In Melilla lässt sich die Zurückweisung an der Grenze zwar rechtlich anwenden. Die Realität verhindert das: Es gibt nicht genug Guardia Civiles, um diese menschliche Woge zu stoppen.
Andere Größenordnung als in Ceuta
Die Ereignisse in Melilla fallen in eine Woche, in der die Nachbarexklave Ceuta einen der größten Migrantenandränge ihrer Geschichte erlebt: Bis Freitag zählten die spanischen Behörden dort laut Radio Nacional rund 50.000 irreguläre Grenzübertritte und 67 Tote. Melilla bleibt bislang deutlich unter dieser Dimension. Weder die Regierungsdelegation noch die Guardia Civil meldeten für die Exklave Todesopfer; die Zahl der bestätigten Grenzübertritte liegt zweistellig, nicht wie in Ceuta im fünfstelligen Bereich. Auch Sky News und die NZZ, die in den vergangenen Tagen aus beiden Städten berichteten, stufen den Vorfall in Melilla als eskalierendes Randgeschehen der Ceuta-Krise ein.
Der Beni-Enzar-Übergang ist seit der Schließung des Grenzpostens Barrio Chino im Jahr 2020 der letzte reguläre Grenzpunkt zwischen Melilla und Marokko. Seine Sperre bedeutet, dass die traditionelle Operación Paso del Estrecho - die von den spanischen Behörden koordinierte Sommerreisewelle marokkanischstämmiger Familien - über die Exklave zurzeit nicht abgewickelt werden kann. Wann Madrid die Grenze wieder öffnet, ließ die Regierungsdelegation am Samstag ausdrücklich offen.
Rabat verweist auf Ceuta
Marokkos Regierung hat die Vorwürfe zurückgewiesen, sie habe die Grenzbewegungen an beiden Exklaven bewusst zugelassen. Rabats Botschafter in Madrid, dessen Erklärung von der Nachrichtenagentur AFP verbreitet wurde, äußerte sein Bedauern über die Vorfälle. Auf marokkanischer Seite blockierten Sicherheitskräfte nach Angaben spanischer Beobachter am Samstag mehrere Zugänge zum Zaun. Für die für Dienstag angesetzte Videokonferenz der EU-Innenminister zur Ceuta-Krise dürfte Melilla damit zumindest indirekt auf der Tagesordnung stehen: Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach in Madrid von einer „gemeinsamen Herausforderung an beiden Grenzen“.