Drei Tage nach dem G7-Gipfel im französischen Evian ist die Beziehung zwischen Rom und Washington in eine offene Krise gerutscht. US-Präsident Donald Trump erklärte in einem Telefoninterview mit dem italienischen Sender La7, Giorgia Meloni habe ihn am Rande des Gipfels „angefleht“, ein gemeinsames Foto mit ihm aufnehmen zu dürfen. Er habe nur zugestimmt, weil sie ihm leidgetan habe. Italiens Ministerpräsidentin reagierte am Freitag mit einer Videobotschaft auf Instagram: „Die Aussagen von Donald Trump sind völlig erfunden. Ich bin ehrlich gesagt fassungslos.“ Sie und Italien, so Meloni, würden „niemals flehen“.

Wenige Stunden später machte Außenminister Antonio Tajani die Eskalation öffentlich. Auf X kündigte er an, seine für den 21. und 22. Juni in Washington geplante Reise abzusagen. Trumps Worte seien „schwerwiegend und beleidigend“ und richteten sich nicht nur gegen Meloni, sondern „gegen ganz Italien“, wie Tajani schrieb. Der Vize-Premier von Forza Italia hätte mit US-Außenminister Marco Rubio über die Lage im Nahen Osten und die Lieferketten für seltene Erden sprechen sollen.

Die Aussagen von Donald Trump sind völlig erfunden. Ich bin ehrlich gesagt fassungslos.
- Giorgia Meloni, Instagram-Videobotschaft, 19. Juni 2026

Der Streit ist deshalb ungewöhnlich, weil Meloni und Trump in den vergangenen 18 Monaten als die engsten Verbündeten auf beiden Seiten des Atlantiks galten. Italiens Regierungschefin reiste vor Ostern als erste europäische Regierungschefin ins Weiße Haus, sie galt in Washington als Schlüsselfigur, um die Lücke zwischen Trump und Brüssel zu überbrücken. Wie das Handelsblatt berichtet, hatte sich das Verhältnis vor rund zwei Monaten erstmals deutlich abgekühlt, nachdem Meloni Trumps verbale Angriffe auf Papst Leo XIV. als „inakzeptabel“ bezeichnet hatte. Beim G7-Gipfel in Evian galt der Streit als beigelegt, italienische Medien verbreiteten ein Foto, auf dem die beiden auf einem Sofa sitzend miteinander sprachen.

Genau dieses Foto ist nun der Auslöser des neuen Eklats. Trump erklärte gegenüber dem La7-Journalisten Daniele Compatangelo, Meloni habe ihn dabei „so dringend“ um die Aufnahme gebeten, dass er sie zugelassen habe - „sonst hätte ich gar nicht mit ihr reden müssen“. Bei Euronews fiel Trumps Wortlaut auf Englisch noch schroffer aus: „She begged me to take a picture with her.“ Die Begründung Trumps, er habe „Mitleid“ mit Meloni gehabt, sorgte am Freitag auch in Italien für scharfe Reaktionen in Sozialen Netzwerken, der Hashtag #meloni gehörte im deutschsprachigen Raum am Nachmittag zu den am schnellsten wachsenden Trends auf Mastodon.

Was die Absage konkret bedeutet

Tajanis stornierte Reise sollte nach Angaben der italienischen Regierung den 90-Tage-Zoll-Deal mit den USA vorbereiten, der Ende Juli ausläuft. Stattdessen kündigte das Außenministerium an, die Gespräche mit Rubio „in geeignetem Rahmen“ zu führen, was in Rom als Hinweis auf eine Verlegung in die Schweiz oder nach Brüssel verstanden wird. Trumps Sprecherin im Weißen Haus bestätigte am Abend lediglich, der Präsident habe „die Wahrheit“ gesagt, eine Entschuldigung sei nicht geplant. Damit verliert Italien einen seiner letzten direkten Drähte nach Washington, ausgerechnet in einer Phase, in der die EU-Kommission auf Druck Roms eine schärfere Antwort auf Trumps Industriepolitik vorbereitet.