Roberto García Parrondo nahm die letzte Auszeit beim Stand von 23:23. Noch 37 Sekunden, ein Spielzug auf den linken Flügel, Diagonalpass von Dainis Kristopans, David Mandic vollendet zum 24:23. Vierzehn Sekunden vor Schluss parierte Nebojša Simić den Siebenmeter von Lukas Zerbe - und in der ausverkauften Barclays Arena in Hamburg holte die MT Melsungen am Sonntagabend den ersten internationalen Titel der Vereinsgeschichte.
Im rein deutschen Finale der EHF European League setzten sich die Nordhessen mit 24:23 (13:12) gegen den THW Kiel durch. Es ist nicht nur der erste Europacup für Melsungen, sondern überhaupt der erste große Pokal des Clubs - und qualifiziert die Mannschaft potenziell für die Champions League. Im Halbfinale hatte Melsungen den Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt mit 37:30 aus dem Turnier geworfen, der Kiel war zuvor in einem engen Spiel an Montpellier vorbeigekommen.
Ich war zu 100 Prozent sicher, dass wir gewinnen, wir konnten dieses Spiel einfach nicht verlieren. Ich habe mit Melsungen neun Jahre auf diesen Titel gewartet, es fühlt sich unglaublich gut an.
Simić, vom EHF-Turnier zum wertvollsten Spieler gewählt, hielt die Mannschaft in der zweiten Halbzeit phasenweise allein im Spiel. Auf der anderen Seite traf Zerbe für Kiel fünfmal, Eric Johansson kam auf drei Treffer bei nur 33 Prozent Wurfquote. Kristopans war mit vier Toren bester Werfer Melsungens, Timo Kastening sang nach dem Schlusspfiff mit seinen Mitspielern „Oh, wie ist das schön" im Innenraum der Halle, wie die Sportschau berichtete.
Garcia Parrondo: Gier und Herz
Trainer García Parrondo führte den Sieg auf zwei Begriffe zurück: „Gier" und „Herz". Seine Mannschaft, in den vergangenen Saisons als ältestes Team der Liga oft belächelt, habe sich den Titel über die gesamte Saison erarbeitet. Auf der Gegenseite sprach Kiels Rune Dahmke gegenüber Sky von einer „riesigen Enttäuschung", Trainer Filip Jicha musste zusehen, wie sein Team nach 2019 erneut in einem Finale unterlag.
Für den THW Kiel war es die zweite Finalteilnahme in der European League nach 2025; nach dem dritten Platz vor einem Jahr blieb diesmal nur das Endspiel. Melsungen hingegen feierte mit den eigenen Fans, die in großer Zahl in die Barclays Arena gereist waren. Mit dem Titel sichert sich der Club aus dem hessischen Bergland einen Startplatz im europäischen Wettbewerb der kommenden Saison und schiebt die eigene Geschichte um ein Kapitel weiter, das vor wenigen Jahren noch unwahrscheinlich erschien.